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Islamischer Staat Afghanistan

Chronik

 Überblick    Basisdaten


Ab 2000 v. Chr.
Aus Zentralasien stammende indo-arische Volksstämme lassen sich im Gebiet des heutigen Afghanistan (mit 652.225 Quadratkilometern beinahe doppelt so groß wie Deutschland) nieder.

Ab 6. Jahrhundert v. Chr.
Das Gebiet des heutigen Afghanistan ist eine Provinz des Perserreichs der Achämeniden.

329 v. Chr.
Alexander der Große erobert auf seinem Feldzug nach Osten das Gebiet des heutigen Afghanistan.

Ab 323 v. Chr.
Nach dem plötzlichen Tod Alexanders des Großen (er stirbt im Alter von erst 33 Jahren am 13. Juni in Babylon am Fleckfieber) werden die von ihm eroberten Gebiete zum Streitobjekt zwischen seinen Feldherren, den „Diadochen“ (griechisch „Nachfolger“). Die bedeutendsten von ihnen sind Ptolemaios und Seleukos, die sich (zeitweise) verbünden und so die übrigen „Kandidaten“ nach und nach ausschalten. Während Ptolemaios die Verwaltung Ägyptens, Palästinas und des südlichen Syrien übernimmt, sich im Jahre 305 v. Chr. als Ptolemaios I. Soter (griechisch „Retter“) zum König von Ägypten macht und sein Reich u.a. 294 v.Chr. um die Insel Zypern erweitert, übernimmt Seleukos die Macht in Mesopotamien, von wo aus er zusammen mit seinem Sohn Antiochos zunächst die persischen Ostgebiete einschließlich des heutigen Afghanistan und schließlich fast ganz Vorderasien einschließlich Anatolien und der Kaukasusregion unter seine Kontrolle bringt.

Um 50 n. Chr.
Das aus China kommende buddhistische Volk der Kushana übernimmt die Macht über einen Teil des heutigen Afghanistan.

Ab 450
Bis etwa 650 n. Chr. steht das Gebiet des heutigen Afghanistan z.T. unter der Herrschaft der persischen Sassaniden sowie der sogenannten „Weißen Hunnen“ (Hepthaliten) aus Zentralasien.

Ab 650
Es beginnt die Eroberung des Gebiets des heutigen Afghanistan durch die Araber. Sie bringen den Islam ins Land.

977
Der moslemische Sultan Mahmud von Ghazni gründet ein afghanisches Reich, das sich bis zum Indus-Tal erstreckt.

Ab 1160
Das Gebiet des heutigen Afghanistan steht unter der Herrschaft des islamischen Sultanats von Ghor.

1222
Die mongolischen Reiterscharen Dschingis-Khans fallen in das Gebiet des heutigen Afghanistan ein und verwüsten es.

1380
Unter Timur-Leng fallen die Mongolen erneut in Afghanistan ein.

15. Jahrhundert
Das Gebiet des heutigen Afghanistan wird von den Timuriden, den Nachkommen von Timur-Leng, beherrscht.

1526
Babur von Kabul, der letzte Nachkomme von Timur-Leng, erobert Nordwestindien, stürzt dort den letzten Lodi-Sultan Ibrahim und wird somit zum Begründer des indisch-moslemischen Moguln-Reiches. Der Norden des heutigen Afghanistan wird von den usbekischen Schaibaniden beherrscht, und der Westen wird Teil des persischen Safawiden-Reiches.

Ab 1709
Mehrere afghanische Stämme erheben sich gegen die Safawiden, drängen diese immer weiter nach Westen ab und erobern (und zerstören) schließlich im Jahre 1722 die persische Hauptstadt Isfahan.

Ab 1729
Der aus dem in Khorasan (heutige Provinz Nordostirans) angesiedelten Stamm der Afschar stammende Nadir unterwirft die Afghanen und erklärt sich 1736 zum Schah (König). In zahlreichen Feldzügen erweitert er das Perserreich ein weiteres Mal bis nach Indien, wo er 1739 den Großmogul besiegt, Delhi plündert und dabei u.a. den monströsen „Pfauenthron“ sowie den Riesendiamanten „Kohinoor“ (bedeutet auf Hindustani „Berg des Lichts“; der 108-Karäter gelangt später in den Besitz der Briten) erbeutet.

1747
Nach über zweitausend Jahren der Invasionen und Fremdherrschaften gründet Ahmed Schah Durrani ein unabhängiges afghanisches Emirat, dem zunächst auch Khorasan angehört. Hauptstadt ist Kandahar.

1773
Nach dem Tod von Ahmed Schah wird Timur Schah sein Nachfolger. Er macht Kabul zur Hauptstadt von Afghanistan.

1793
Nach dem Tod von Timur Schah wird Zaman Schah Herrscher über Afghanistan.

1799
Nach dem Tod von Zaman Schah wird Mahmud Schah Herrscher über Afghanistan. Er wird 1803 von Schudsa gestürzt, kann sich den Thron aber 1810 zurückerobern.

1810
Nach dem Tod von Mahmud Schah zerfällt Afghanistan wieder in einzelne Reiche (Khanate), und das Gebiet wird zum Streitobjekt zwischen Großbritannien und Rußland: Die russischen Zaren wollen einen direkten Zugang zum Indischen Ozean, und die Briten möchten das Gebiet in ihr britisches Indien eingliedern.

Ab 1838
Dost Mohammed vom Klan der Barakzay vereint Afghanistan erneut (ohne Khorasan).

Ab 1839
Der erste Versuch der Briten, Afghanistan zu erobern und „Britisch-Indien“ anzugliedern, endet nach anfänglichen Erfolgen (Einnahme von Kandahar im April 1839 und Weitermarsch in Richtung Kabul) mit der fast völligen Vernichtung der rund 18.000 Mann starken britischen Invasionsarmee im Januar 1842.

21. April 1839
Die Briten erobern Kandahar im Süden Afghanistans, werden aber auf ihrem weiteren Marsch nach Kabul vernichtend geschlagen.

Ab 1878
Während des zweiten afghanisch-britischen Krieges erobern die Briten u.a. den strategisch besonders wichtigen Khaiber-Paß und besetzen vorübergehend die afghanische Hauptstadt Kabul (1879). Emir Abd ar-Rachman muß sich 1880 einer gewissen britischen Oberhoheit unterstellen. Gleichzeitig versuchen allerdings auch die Russen, den Norden des Landes einzunehmen, wodurch Afghanistan zum Pufferstaat zwischen Britisch-Indien und Rußland wird.

Ab 1919
Im dritten afghanisch-britischen Krieg kann sich Emir Amanullah gegen die Briten behaupten und gewinnt 1921 die volle Unabhängigkeit für Afghanistan zurück.

1926
Amanullah, inzwischen zum König von Afghanistan ernannt, setzt sich für innere Reformen ein (u.a. für die Emanzipation der Frauen, wirtschaftliche und kulturelle Verbesserungen).

Januar 1929
König Amanullah wird von religiösen Fanatikern und aufständischen Stammesfürsten zur Abdankung gezwungen, und Afghanistan wird bis 1932 von Batscha-e Saqquao terrorisiert.

1932
Die Schreckensherrschaft Batscha-e-Saqqaos wird von Verwandten König Amanullahs beendet und Nadir Schah zum König gemacht. Er leitet die Befriedung der verschiedenen Stämme Afghanistans ein.

8. November 1933
Nadir Schah wird ermordet, und sein Sohn Mohammed Zahir Schah folgt ihm auf den Thron.
Er regiert zusammen mit Familienmitgliedern Afghanistan für zwei Jahrzehnte, wobei die Reformbemühungen seiner Vorgänger mehr oder weniger fortgesetzt werden.

1953
Sardar Mohammed Daoud, ebenfalls ein Verwandter von Mohammed Zahir Schah, wird neuer Regierungschef Afghanistans. Er entwickelt sich in seiner zehnjährigen Amtszeit zum Diktator, sorgt jedoch für eine weitere Modernisierung des Landes und baut eine leistungsfähige Armee auf. Durch geschickte Verhandlungen gelingt es ihm, von den USA und der UdSSR gleichermaßen Entwicklungshilfe zu erhalten.

1963
Prinz Mohammed Daoud wird von König Mohammed Zahir Schah zum Rücktritt gezwungen und Mohammed Jusuf, erstmals kein Mitglied der königlichen Familie, wird afghanischer Regierungschef. Das Bestreben um Demokratisierung ist zu erkennen.

1964
Eine neue, von König Zahir Schah selbst entworfene Verfassung, wird ausgerufen. Sie untersagt den Mitgliedern der Königsfamilie jegliches politisches Mitspracherecht.

1965
Das erste freigewählte Parlament bemüht sich um eine weitere Modernisierung Afghanistans.

17. Juli 1973
Nach innenpolitischen Unruhen und häufigen Regierungswechseln wird in Abwesenheit von König Zahir Schah die Verfassung von 1964 aufgehoben, das Parlament aufgelöst und die Präsidial-Republik ausgerufen. Prinz Mohammed Daoud wird ein zweites Mal Regierungschef und gleichzeitig Staatspräsident von Afghanistan. Das kommunistisch orientierte Kabinett versucht, eine staatlich gesteuerte neue Wirtschaftsordnung durchzuführen. Die Reformen bleiben jedoch zumeist bereits in den Anfängen stecken.

27. April 1978
Während eines Militärputsches werden Regierungschef Prinz Mohammed Daoud und alle anderen Mitglieder der könglichen Familie ermordet. Der Kommunist Mohammed Taraki, Vorsitzender des Revolutionsrates, wird neuer Regierungschef der Demokratischen Republik Afghanistan.

Dezember 1978
Afghanistan unterzeichnet mit der Sowjetunion einen Freundschaftsvertrag.

Anfang 1979
Verschiedene Bergstämme und islamische Gruppen (Mujahedin/Mudschahedin = Glaubenskämpfer) Afghanistans rebellieren gegen das kommunistische und anti-islamische Regime.

September 1979
Hafisollah Amin löst Taraki im Amt des afghanischen Staatsschefs ab, doch auch er bekommt die aufständischen Bergstämme nicht unter Kontrolle.

27. Dezember 1979
Um einem Umsturz zuvorzukommen, marschieren sowjetische Truppen in Afghanistan ein. Sie liquidieren Hafisollah Amin und setzen Babrak Karmal als Staatsoberhaupt ein. Es gelingt jedoch nicht, den Widerstand der Mujahedin-Rebellen zu brechen.Verschiedene Angebote des Regimes - z.B. die Zusage, den Islam und die afghanische Tradition zu respektieren - werden entschieden abgelehnt. Das Kämpfen und Morden beider Seiten geht weiter (rund 1,5 Millionen Menschen werden bis 1992 getötet, weitere 1,7 Millionen durch Minen zu Krüppeln gemacht). Hunger und Angst lassen in den folgenden dreizehn Jahren fast fünf Millionen Menschen (rund ein Viertel der Zivilbevölkerung) die beschwerliche und gefährliche Flucht über die Berge in die umliegenden Staaten - vor allem nach Pakistan und den Iran - wagen.

3. November 1982
In einem knapp drei Kilometer langen Tunnel stößt ein sowjetischer Militär-Lastwagen mit einem Tank-Lkw zusammen, der explodiert. In dem Flammeninferno kommen zwischen 700 und 2.000 Menschen ums Leben. (Wieviele Menschen sich zum Zeitpunkt des Unglücks in dem Tunnel befanden, kann nie festgestellt werden.)

Dezember 1986
Mohammed Nadschibullah wird als Generalsekretär der Volksdemokratischen Partei sowie als Präsident des Revolutionsrates in Kabul eingesetzt und somit zum Staatsoberhaupt Afghanistans gemacht.

14. April 1988
In Genf wird von der UdSSR, den USA, Afghanistan (ohne Vertreter der Rebellen) und Pakistan ein Abkommen unterzeichnet, gemäß dem sich die sowjetischen Truppen nach und nach aus Afghanistan zurückziehen.

15. Februar 1989
Die letzten Sowjets verlassen Afghanistan. Die Kämpfe zwischen den Mujahedin und Regierungstruppen gehen jedoch unvermindert weiter.

März 1990
Ein Putschversuch in Kabul scheitert.

16. April 1992
Mujahedin-Verbände unter Ahmed Schah Massud marschieren in Kabul ein. Mohammed Nadschibullah wird gestürzt, die kommunistische Regierung aufgelöst. Interimspräsident wird der Tadschike Burhanuddin Rabbani. Eine Übergangsregierung aus fünf der insgesamt neun Mujahedin-Gruppen (Fundamentalisten, Gemäßigte und Traditionalisten) wird zur Vorbereitung der Demokratie eingesetzt und der Bürgerkrieg für beendet erklärt. Die Einführung islamischer Rechtssprechung (Scharia) wird beschlossen (z.B. werden Gebetsverweigerung und Abkehr vom Islam mit dem Tod bestraft, außerehelicher Geschlechtsverkehr mit Steinigung).

Januar 1993
Eine der neuen Regierung feindlich gesinnte Rebellengruppe unter Gulbuddin Hekmatyar nimmt Kabul erneut unter Beschuß.

März 1993
Nach Abschluß eines Friedensvertrages zwischen der Regierung und den Rebellen wird Gulbuddin Hekmatyar zum Ministerpräsidenten ernannt. Er weigert sich jedoch, sein Amt anzutreten, solange sich Ahmed Schah Massud (seit 1992 Verteidigungsminister) in Kabul aufhält.

1994
Die Versorgungslage in Afghanistan ist katastrophal. Täglich sterben Hunderte, vor allem Kinder, an Unterernährung oder wegen mangelnder medizinischer Versorgung (Frauen dürfen aus religiösen Gründen von männlichen Ärzten nicht untersucht werden). Die Hauptstadt Kabul und fast die Hälfte aller Dörfer sind zerstört, das Land ist zum größten Minenfeld der Welt geworden. Der UNO-Sicherheitsrat fordert alle Staaten auf, die Waffenlieferungen nach Afghanistan einzustellen.

1995
Die Kämpfe zwischen den verfeindeten Rebellengruppen gehen unvermindert weiter. Zur stärksten Gruppe hat sich inzwischen die Taliban („Koranschüler“), bestehend aus gut ausgerüsteten und militärisch in Pakistan ausgebildeten Puschtunen, entwickelt.

27. September 1996
Die radikal-moslemische Taliban-Miliz, die bereits große Teile Afghanistans kontrolliert, nimmt Kabul ein, stürzt die Regierung von Präsident Burhanuddin Rabbani und Ministerpräsident Gulbuddin Hekmatyar (beiden gelingt die Flucht) und bildet eine sechsköpfige Übergangsregierung unter der Führung von Mullah Mohammad Rabbani. Kurz nach der Eroberung der Stadt werden der Ex-Staatschef Mohammed Nadschibullah und verschiedene regierungstreue Kommandeure exekutiert. Zudem wird die Errichtung eines islamischen Staates angekündigt.

24. Oktober 1996
Nasrullah Babaar, Innenminister Pakistans, und der UN-Gesandte Norbert Holl bemühen sich in Gesprächen mit dem usbekischen General Abdul Rashid Dostum, der den Norden Afghanistans beherrscht und auf der Seite der gestürzten Regierung im Kampf gegen die radikalislamische Taliban-Miliz steht, um einen Waffenstillstand.

November 1996
Der UN-Gesandte Norbert Holl führt mit allen am seit nunmehr 17 Jahren wütenden Bürgerkrieg beteiligten Gruppen Gespräche. Nicht nur die notleidende Zivilbevölkerung Afghanistans, die aus 21 verschiedenen Volksgruppen besteht, sondern auch die USA, die GUS und die umliegenden Staaten wünschen sich einen baldigen und dauerhaften Frieden. Die einen in erster Linie zur Beendigung von Hunger und Elend, die anderen nicht zuletzt wegen der riesigen Erdöl- und Erdgasvorkommen in Afghanistan.

28. März 1997
Bei einem Lawinenunglück in Nordafghanistan kommen mehrere Hundert Menschen ums Leben.

1. Juli 1997
Alle Bemühungen der Vereinten Nationen, den aus Machtgier und ethnischen Differenzen geführten Bürgerkrieg zwischen den verschiedenen Volksgruppen Afghanistans zu beenden, sind bisher gescheitert. Auch den Taliban-Milizen, die seit September 1996 in Kabul an der Macht sind, inzwischen etwa zwei Drittel Afghanistans kontrollieren und mit der Errichtung eines islamischen Gottesstaates begonnen haben, ist es nicht gelungen, für einen dauerhaften Frieden und Ordnung im Lande zu sorgen.

1. September 1997
Nachdem die Taliban-Milizen bereits seit langem ein vollkommenes Arbeitsverbot für Frauen erlassen und Mädchen jegliche Schulbildung untersagt haben, verhängen sie nun ein Aufnahmeverbot für Frauen in den Krankenhäusern von Kabul; laut Angaben der internationalen Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ verweigern inzwischen zwei der vier großen Kliniken sogar jegliche ambulante Behandlung weiblicher Patienten sowie die Aufnahme von Notfällen.

1. Oktober 1997
Die Taliban, seit 1996 Machthaber in Kabul und über einen Großteil Afghanistans, rufen das „Islamische Emirat Afghanistan“ aus.

4. Februar 1998
Ein schweres Erdbeben in der Provinz Takhar im Nordosten Afghanistans fordert mindestens 4.500 Tote. Wegen des wütenden Bürgerkriegs – die Taliban lehnen eine Waffenruhe zugunsten der notleidenden Bevölkerung entschieden ab – ist es internationalen Hilfsorganisationen nicht möglich, in die ohnehin schwer zugängliche Bergregion vorzudringen. Erst nach Tagen gelingt es, Lebensmittel, Zelte und Medikamente über eine Luftbrücke in das Katatstrophengebiet zu bringen.

30. Mai 1998
Ein erneutes schweres Erdbeben in den Bergen Nord-Afghanistans (Provinz Badakhschar) fordert weitere 5.000 Tote. Auch dieses Mal verweigern die Taliban jegliche Kooperation mit den internationalen Hilfsorganisationen.

15. Juli 1998
Die Taliban-Regierung in Kabul verweist alle Mitarbeiter der internationalen Hilfsorganisationen des Landes.

7. August 1998
Bei einem Bombenanschlag islamischer Fundamentalisten auf die US-Botschaft in Nairobi/Kenia werden 253 Menschen getötet (davon zwölf Amerikaner) und über 5.000 z.T. schwer verletzt. Fast zeitgleich kommen bei einem Bombenattentat auf die US-Botschaft in Daressalam/Tansania zehn Menschen ums Leben. Für die Anschläge verantwortlich gemacht wird Osama bin Laden, ein arabischer Multi-Millionär, der Gründer und Führer der „Internationalen Islamischen Front“, die bereits 1995 den Juden und „Kreuzfahrern“ (damit sind Christen gemeint, die sich in innere Angelegenheiten der islamischen Staaten einmischen, vor allem die USA) den Krieg erklärt und weltweit bereits zahlreiche Bombenanschläge verübt haben. Laden, der aus Saudi-Arabien stammt (dort entzog man ihm inzwischen die Staatsbürgerschaft), operierte lange Zeit vom Sudan aus und seit er auch von dort auf Druck der USA ausgewiesen wurde, von Afghanistan aus.
Die USA starten einen Vergeltungsschlag, wobei von im Arabischen Meer stationierten Kriegsschiffen abgeschossene Raketen mehrere islamische Ausbildungslager in Afghanistan und eine pharmazeutische Fabrik (sie soll u.a. auch chemische Waffen produzieren) im Sudan zerstören. Daraufhin ruft Laden die gesamte islamische Welt erneut zum „Dschihad“ (Heiliger Krieg/Jihad) gegen die USA auf.

8. August 1998
In Afghanistan werden bei der Einnahme der Stadt Masar-i-Sharif durch sunnitisch-islamische Taliban-Milizen neun iranische Diplomaten ermordet. (Im afghanischen Bürgerkrieg unterstützt Pakistan die sunnitischen Taliban-Milizen, während der Iran deren Gegner, die zumeist schiitischen Anhänger der nordafghanischen Bürgerkriegsallianz unterstützt.) Daraufhin versetzt der oberste geistliche Führer des Iran, Ayatollha Ali Khamenei, die iranischen Streitkräfte in Alarmbereitschaft und läßt entlang der iranisch-afghanischen Grenze rund 200.000 Soldaten und 70.000 Revolutionswächter aufmarschieren.

1. September 1998
Der Ausbruch militärischer Auseinandersetzungen zwischen Afghanistan und Iran kann durch die Vermittlung der UN verhindert werden.

31. Oktober 1998
Umfangreiche Ermittlungen der Vereinten Nationen ergeben, daß die sunnitischen Taliban-Milizen Anfang August bis zu 8.000 bei der Einnahme der nordafghanischen Städte Masar-i-Sharif und Bamian schiitische Moslems auf bestialische Weise ermordet und in Massengräbern verscharrt haben.

1. November 1998
Angesichts des beginnenden Winters und der sich zunehmend verschlechternden Versorgungslage der Bevölkerung genehmigt die Taliban-Regierung mehreren internationalen Hilfsorganisationen – u.a. dem Internationalen Roten Kreuz und den Ärzten ohne Grenzen – ihre Arbeit in Afghanistan wieder aufzunehmen.

31. Dezember 1998
Nahezu 90 Prozent ganz Afghanistans stehen inzwischen unter der Kontrolle der in Kabul residierenden Taliban. Das von ihnen ausgerufene „Islamische Emirat Afghanistan“ wurde bisher nur vom Nachbarstaat Pakistan sowie den arabischen Staaten Saudi-Arabien und Vereinigte Arabische Emirate als souveräner Staat anerkannt.

2. Januar 1999
Der aus Saudi-Arabien stammende und derzeit in Afghanistan lebende Multi-Millionär Osama bin Laden gibt in einem Interview seine Beteiligung an den Bombenanschlägen auf die US-Botschaften in Nairobi (Kenia) und Daressalam (Tansania) am 7. August 1998 offen zu. Seine Worte: „Die Geschichte soll wissen, daß ich ein Verbrecher bin, sofern der „Heilige Krieg“ gegen Juden und Amerikaner als Verbrechen angesehen werden kann.“

11. Februar 1999
Ein Erdbeben der Stärke 5,9 auf der nach oben offenen Richter-Skala zerstört südwestlich von Kabul zahlreiche Dörfer. Nach Angaben der Taliban-Regierung kommen jedoch „nur“ 67 Menschen ums Leben.

1. Juli 1999
Die USA verhängen Sanktionen gegen Afghanistan, um eine Auslieferung Osama bin Ladens zu erreichen. Die Taliban-Regierung, die finanziell immer mehr in Bedrängnis gerät (der bisherige Hauptgeldgeber Saudi-Arabien hat inzwischen zumindest offiziell den Geldhahn abgedreht und seine Diplomaten aus Kabul abgezogen) und offiziell nur noch von Pakistan unterstützt wird, kündigt zwar eine Untersuchung der US-amerikanischen Vorwürfe gegen den Multi-Millionär an, gewährt ihm jedoch weiterhin Gastrecht.

1. September 1999
Das Drogenkontrollprogramm der Vereinten Nationen (UNDCP) teilt mit, daß in diesem Jahr in Afghanistan in den von der Taliban kontrollierten Gebieten bereits über 4.500 Tonnen Rohopium aus Schlafmohn produziert und zu Heroin weiterverarbeitet wurde. Das ist doppelt so viel wie im Vorjahr und drei Viertel der Weltproduktion.

12. November 1999
Unbekannte verüben im Zentrum der pakistanischen Hauptstadt Islamabad innerhalb weniger Minuten insgesamt sieben Raketenanschläge auf die Botschaft der USA und Einrichtungen der Vereinten Nationen. Dabei werden mindestens ein halbes Dutzend Menschen verletzt. Es wird vermutet, daß die Anschläge mit der Drohung der Vereinten Nationen zusammenhängen, Sanktionen gegen Afghanistan zu verhängen, wenn dieses dem mutmaßlichen saudi-arabischen Terroristen Osama bin Laden weiterhin Gastrecht gewährt.

14. November 1999
Da sich das Taliban-Regime in Kabul weiterhin weigert, Osama bin Laden an die USA auszuliefern, machen die Vereinten Nationen ihre Drohung wahr und verhängen weitreichende Sanktionen gegen Afghanistan (u.a. Einfrieren der Taliban-Auslandskonten).

1. Dezember 1999
General Pervez Musharaf, der in Pakistan seit dem Militärputsch im Oktober an der Macht ist, stellt die (offizielle) finanzielle und militärische Unterstützung der Taliban-Regierung ein und erklärt darüber hinaus, die Taliban-Guthaben in Pakistan gesperrt zu haben.

31. Dezember 1999
Ein Geiseldrama an Bord eines indischen Flugzeugs findet ein unblutiges Ende: Nach acht Tagen Nervenkrieg lassen die fünf Luftpiraten ihre zuletzt 155 Geiseln gegen drei aus indischer Haft freigepreßte kaschmirische Separatisten – unter ihnen ist auch Maulana Masood Azhar, ein pakistanischer Geistlicher und Anführer der „Harkat ul Mujahedin“, einer radikalen pan-islamistischen Organisation für die Unabhängigkeit Kaschmirs –, frei. Die Hijacker und ihre Gesinnungsgenossen verlassen völlig unbehelligt das Flughafengelände der südafghanischen Stadt Kandahar und tauchen unter. Sowohl die afghanische Taliban-Regierung in Kabul als auch das pakistanische Militärregime in Islamabad bestreiten eine Beteiligung an der Flugzeugentführung.
Begonnen hatte das Drama am 24. Dezember, als der Airbus A300 auf dem Flug von Kathmandu (Nepal) nach Neu-Delhi gekapert und zur Landung in Amritsar an der Grenze zu Pakistan gezwungen wurde. Nach einem weiteren Zwischenstop in Lahore (Pakistan) landete die Maschine in den Vereinigten Arabischen Emiraten, wo die Luftpiraten 26 Frauen und Kinder freiließen sowie eine ermordete Geisel von Bord schafften. Nach einigen Stunden startete die Maschine erneut und landete letztendlich in Kandahar, wo die Hijacker eine kranke Geisel freiließen und wo schließlich am dritten Entführungstag eine (mit Genehmigung der afghanischen Taliban-Regierung) aus Indien angereiste Delegation direkte Verhandlungen mit den Kidnappern aufnahm.

1. Januar 2000
Trotz eines auf UN-Vermittlung bereits im Frühjahr zustandegekommenen Abkommens zwischen der Taliban-Regierung in Kabul und der in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe residierenden afghanischen Exilregierung unter Burhanuddin Rabbani, eine Koalitionsregierung zu bilden, liefern sich im Nordosten Afghanistans die Taliban-Milizen und die die Exilregierung unterstützende, aus zahlreichen kleineren Stammesverbänden bestehende Nordallianz weiterhin erbitterte Gefechte.

15. Januar 2000
Die Taliban-Regierung in Kabul erkennt die russische Teilrepublik Tschetschenien als unabhängige Republik an. Dies führt zu einer schweren diplomatischen Krise mit Rußland.

6. Februar 2000
Etwa ein Dutzend Luftpiraten zwingen eine Maschine der afghanischen Gesellschaft Ariana während eines Inlandflugs von Kabul ins rund 350 Kilomter nördlich gelegene Masar-i-Scharif zum Weiterflug in das Gebiet der früheren UdSSR. Nach Zwischenstops in Usbekistan, Kasachstan und Moskau, wo die Hijacker gegen Lebensmittel und Treibstoff insgesamt 23 Passagiere freilassen, landet die Boeing 727 schließlich am nächsten Morgen auf dem Londoner Flughafen Stansted. Kurz nach Aufnahme von Verhandlungen mit britischen Beamten lassen die Luftpiraten weitere vier Geiseln frei, womit sich deren Zahl auf 157 verringert. Inoffiziellen Berichten zufolge wollen die Hijacker den seit 1997 von den in Kandahar regierenden Taliban festgehaltenen Ex-Gouverneur der Provinz Herat, Ismail Khan, freipressen. Doch die Taliban-Regierung verweigert jegliche Verhandlungen und erklärt, sie werde „auf keinen Fall irgendwelche Forderungen der Terroristen“ erfüllen.

10. Februar 2000
Die Luftpiraten, die vier Tage zuvor ein afghanisches Flugzeug nach London-Stansted entführt und nach Angaben der britischen Behörden keine konkreten Forderungen gestellt haben, lassen alle Geiseln frei und ergeben sich der Polizei. Zuvor war es noch vier Besatzungsmitgliedern (Pilot, Co-Pilot, erster Offizier, Bordingenieur) gelungen, sich aus dem Cockpit der Maschine abzuseilen. Gut die Hälfte der Flugzeuginsassen, darunter auch die Hijacker, beantragen sofort politisches Asyl. Zahlreiche Passagiere werden festgenommen, weil sie mit den Entführern verwandt sind und im Verdacht stehen, mit diesen unter einer Decke zu stecken. Die britischen Medien, u.a. die „Times“, fordern von der Regierung in London, darauf zu drängen, daß die UN-Flüchtlingskonvention dahingehend geändert wird, daß Luftpiraten grundsätzlich kein Asyl beantragen können.

1. Mai 2000
Rußland bezichtigt die Taliban-Regierung in Kabul der direkten militärischen Unterstützung der tschetschenischen Rebellen und droht mit Vergeltungsschlägen gegen Lager der Tschetschenen auf afghanischem Gebiet.

15. Juni 2000
Die UN-Menschenrechtskommission verzeichnet in einem Bericht Superlative für Afghanistan: Das Land hat mit etwa 71 Prozent derzeit nicht nur die höchste Analphabetenquote der Welt, sondern auch weltweit die höchste Kindersterblichkeit (27%) und die meisten Witwen und Waisen. Zudem ist Afghanistan weiterhin das am stärksten verminte Land der Erde. Nach UN-Angaben verschlimmert sich die Lage der Zivilbevölkerung von Woche zu Woche.

15. Juli 2000
Aufgrund der schlimmsten Dürrekatastrophe seit vier Jahrzehnten, die zur Vernichtung von 80 Prozent des afghanischen Viehbestandes geführt hat, sind in Afghanistan etwa 1,5 Millionen Menschen vom Hungertod bedroht und auf Nahrungsmittellieferungen internationaler Hilfsorganisationen angewiesen.

31. Juli 2000
Nach langjährigem Druck der Vereinten Nationen erläßt Taliban-Chef Mullah Mohammad Omar „wegen Nichtvereinbarkeit mit den Gesetzen des Islam“ kurz vor der neuen Aussaat ein vollständiges Anbauverbot für Opiummohn, ordnet die Zerstörung von rund zwei Dutzend Heroinlabors an und läßt protestierende Bauern verhaften.

6. September 2000
Die in Afghanistan herrschenden Taliban – sie haben vor kurzem eine weitere Hochburg ihres Gegners Ahmed Schah Massud, die Stadt Talogquan im Norden des Landes, unter ihre Kontrolle gebracht – fordern von den Vereinten Nationen, als Regierung Afghanistans anerkannt zu werden. (Mit Ausnahme von Pakistan, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten ist bislang kein Staat bereit, die Taliban offiziell als Regierung Afghanistans anzuerkennen.)

15. September 2000
Im Norden Afghanistans sind nach Ausbruch einer Choleraepidemie mindestens 100 Menschen gestorben. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO sind in der Region rund 20.000 Menschen in Gefahr, sich mit der Krankheit zu infizieren.

15. November 2000
Pakistan schließt (dem Beispiel Tadschikistans folgend) die Grenze am Khyber-Paß, um den Flüchtlingsstrom aus Afghanistan einzudämmen. Im Nordwesten Pakistans leben derzeit etwa 1,6 Millionen Afghanen, die aufgrund des Bürgerkriegs oder wegen des drohenden Hungertods ihre Heimat verlassen haben, unter katastrophalen Bedingungen in von internationalen Hilfsorganisationen betreuten Auffanglagern.

15. Dezember 2000
Angesichts der weit verbreiteten Armut beginnt das Welternährungs-Programm WFP mit umfangreichen Nahrungsmittel-Lieferungen nach Afghanistan.

20. Dezember 2000
Der UN-Sicherheitsrat fordert die afghanische Taliban-Regierung in Kabul ultimativ zur Auslieferung von Osama bin Laden und zur Schließung terroristischer Ausbildungslager innerhalb von 30 Tagen auf. Bei Nichterfüllung der Forderungen sollen Sanktionen wie ein verschärftes Waffenembargo, ein Reiseverbot für Taliban-Führer und ein umfassenderes als das im letzten Jahre verhängte Flugverbot in Kraft treten.

6. Februar 2001
In New York beginnt unter größten Sicherheitsvorkehrungen mehr als zwei Jahre nach den Bombenanschlägen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania – am 7. August 1998 kamen 263 Menschen ums Leben, darunter zwölf US-Amerikaner, und über 5.000 wurden verletzt – der Prozeß gegen den mutmaßlichen Terroristenführer Osama bin Laden und 21 seiner Gefolgsleute. Dabei muß gegen Laden, der sich unter dem Schutz der islamischen Taliban-Milizen weiterhin in Afghanistan versteckt hält, und auch gegen die meisten anderen Angeklagten in Abwesenheit verhandelt werden.

15. März 2001
Alle Versuche der Kulturorganisation der Vereinten Nationen (UNESCO) einschließlich ihrer 22 arabischen Mitgliedstaaten, in Afghanistan die Zerstörung von mehreren hundert Buddha-Figuren aus vorislamischer Zeit zu verhindern, darunter zwei zum Weltkulturerbe zählende 36 und 53 Meter hohe Buddha-Statuen im Bergland der Provinz Bamiyan – letztere ist die größte der Welt –, stoßen bei der Taliban-Regierung in Kabul auf taube Ohren. Taliban-Chef Mullah Mohammad Omar ordnet die Sprengung der über 1.500 Jahre alten Stein-Standbilder an, da der Islam Gottesdarstellungen verbiete und Afghanistan ein islamischer Gottesstaat sei.

30. März 2001
Nach Angaben internationaler Hilfsorganisationen lebt der größte Teil der rund 22 Millionen Afghanen in „unvorstellbarer“ Armut. Zigtausende sind während des extrem kalten Winters gestorben. Mindestens vierzehn Millionen Menschen sind von der seit nunmehr drei Jahren anhaltenden Dürre betroffen, davon vier Millionen besonders schwer. Die Taliban-Regierung in Kabul setzt ihre radikale Islamisierung des Landes trotzdem rücksichtslos fort und nimmt dafür in Kauf, daß die eigene Bevölkerung verhungert. Aufgrund von Korruption sowie Schikane gegenüber den ausländischen Helfern erreicht die Nothilfe der Vereinten Nationen bzw. von Einzelstaaten offenbar nur selten die ärmsten Bevölkerungsschichten.

29. Mai 2001
Als weiteren Schritt ihrer radikalen Islamisierung fordert die Taliban-Regierung in Kabul von allen Nicht-Moslems das Tragen eines gelben Kennzeichens auf ihrer Kleidung. Die UN-Menschenrechtskommission erinnert an den Judenstern während der Herrschaft der Nationalsozialisten im Deutschen Reich. Darüber hinaus kündigen die afghanischen Islamisten an, auch nichtislamische Mitarbeiter ausländischer Hilfsorganisationen der islamischen Rechtsprechung (Scharia) zu unterstellen. Diese sollen bereits bei Beantragung eines Visums eine Erklärung unterschreiben, daß sie damit einverstanden seien. Aus Protest gegen diese Maßnahme stellt das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen die Lebensmittelverteilung im Großraum Kabul ein.

28. Juni 2001
Die Taliban-Regierung fordert die Vereinten Nationen auf, bis Mitte Juli ihre Vertretung in Kabul zu schließen. Alle anderen UN-Vertretungen in den von der Taliban kontrollierten Gebieten Afghanistans (ca. 95% der Landesfläche) mußten bereits einige Wochen zuvor geräumt werden.

30. Juni 2001
Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen einigt sich mit der Taliban-Regierung über die Wiederaufnahme der Lebensmittelverteilung an über 300.000 Bedürftige im Großraum Kabul.

12. Juli 2001
Die Taliban-Regierung verbietet ab sofort den Gebrauch des Internets in Afghanistan, da es benutzt wird, „um Obszönitäten, Unmoral und Propaganda gegen den Islam zu verbreiten“.

5. August 2001
Die afghanische Religionspolizei verhaftet in Kabul 24 Mitglieder der christlichen Hilfsorganisation „Shelter Now“ (vier Deutsche, zwei Australier, zwei US-Amerikaner und 16 afghanische Helfer). Man wirft ihnen vor, die moslemische Bevölkerung vom rechten Glauben des Islam abbringen und missionieren zu wollen – eine Tat, die in Afghanistan mit dem Tode bestraft werden kann. Dies droht vor allem den afghanischen Mitarbeitern, denn im Dekret des Talibanführers Mullah Mohammad Omar vom Januar 2001 heißt es: ein Afghane, der zu einer anderen Religion wechselt oder sie propagiert, wird hingerichtet. Ausländern drohen Haftstrafen bis zu 30 Tage und anschließende Ausweisung. Sollten demnach tatsächlich Missionierungsversuche stattgefunden haben, so könnte das von den Taliban dazu genutzt werden, auch andere Hilfsorganisationen auszuweisen und das Land noch mehr zu isolieren – auf Kosten der eigenen, in bitterster Armut lebenden Bevölkerung.
Das Büro der (deutschen) Organisation, die seit mehreren Jahren in Afghanistan humanitäre Hilfe leistet, wird nach einer Razzia geschlossen. Zwei Computer, Multimediamaterial, eine Bibel sowie in Farsi (Persisch) und in die Regionalsprachen Paschtu und Dari übersetzte christliche Literatur werden als Beweismaterial für „anti-islamische Aktivitäten“ beschlagnahmt. Die Inhaftierten sollen bis zum Ende der Ermittlungen „unter guten Bedingungen“ im Gefängnis bleiben und nach islamischem Recht (Scharia) abgeurteilt werden. Die Forderung der Botschafter Deutschlands, Australiens und der USA in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad auf eine sofortige Freilassung der Festgenommenen wird von der Taliban-Regierung zurückgewiesen. Auch jegliche Kontaktaufnahme zu ihnen wird verweigert.

12. August 2001
Deutlich wie nie zuvor haben die Vereinten Nationen die in Afghanistan regierenden Taliban gelobt: für ihren großen Erfolg im Kampf gegen den Anbau von Opiummohn. In den von ihnen kontrollierten 90 Prozent des Landes hätten sie die Opium-Pflanze „aus welchen Motiven auch immer“ fast vollständig zum Verschwinden gebracht, so UN-Generalsekretär Kofi Annan in einem Bericht, der der UN-Vollversammlung im September vorgelegt werden soll. Gleichzeitig erwähnt Annan aber auch die ernsthaften wirtschaftlichen und sozialen Folgen für die bisher Opium anbauenden Bauern. Ihnen sollte mit „alternativen“ Pflanzensorten geholfen werden, wie das seit Jahren z.B. in Laos oder Thailand praktiziert wird. Doch die über Afghanistan verhängten UN-Sanktionen schließen solche Hilfe aus.

26. August 2001
Drei Wochen nach der Festnahme von acht Ausländern der Hilfsorganisation „Shelter Now“ (sechs Frauen und zwei Männer) aufgrund angeblicher Missionierungsversuche Einheimischer läßt die Taliban-Regierung erstmals Besucher zu den Inhaftierten vor: Eine fünfköpfige Delegation des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) erhält in Kabul Zutritt zu den vier Deutschen, zwei US-Amerikanern und zwei Australiern. Auch Familienangehörige und Diplomaten der drei Heimatstaaten sollen „bald“ eine Besuchsgenehmigung erhalten.

27. August 2001
Die Taliban-Regierung löst ihr Versprechen ein und läßt Angehörige sowie Diplomaten aus Deutschland, den USA und Australien zu den acht inhaftierten Ausländern der Hilfsorganisation „Shelter Now“ vor.

31. August 2001
Die Taliban-Regierung schließt im Zuge der Ermittlungen gegen die inhaftierten Mitarbeiter von „Shelter Now“ auch die Büros der christlichen Hilfsorganisationen „International Assistance Mission“ (IAM) und „SERVE“. Die ausländischen Mitarbeiter der seit Jahren in Afghanistan tätigen Organisationen werden ausgewiesen, ihre afghanischen Helfer festgenommen.

4. September 2001
In Kabul beginnt unter Ausschluß der Öffentlichkeit der Prozeß gegen die seit fast fünf Wochen wegen des Vorwurfs christlicher Missionierung der einheimischen Bevölkerung inhaftierten acht ausländischen Mitarbeiter der Hilfsorganisation „Shelter Now“ vor dem Obersten Gerichtshof in Kabul. Der Vorsitzende der insgesamt 21 Richter erklärt, daß nicht nur den festgenommenen Afghanen im Falle einer Verurteilung, sondern auch den Ausländern die Exekution droht. Das letzte Wort in dem Fall würde aber Taliban-Chef Mullah Mohammad Omar haben, dem das Urteil vorgelegt werden soll.

9. September 2001
Ahmed Schah Massud, der Militärchef der gegen die Taliban kämpfenden afghanischen Opposition, wird im Norden des Landes bei einem Bombenanschlag schwer verletzt. Einer seiner Berater sowie die beiden Selbstmordattentäter – nach Angaben seines Bruder Ahmed Wali, des Botschafters der afghanischen Opposition in London, handelt es sich um zwei als Journalisten verkleidete Anhänger der radikal-islamischen Taliban – werden getötet.

10. September 2001
Kabul lehnt einen Austausch der acht ausländischen Mitarbeiter der Hilfsorganisation „Shelter Now“ gegen den in den USA inhaftierten ägyptischen Terroristen Scheich Omar Abd el-Rahman nicht mehr ab. Allerdings müsse erst das Urteil des Gerichts abgewartet werden. Rahman sitzt wegen des Bombenattentats auf das World Trade Center im Jahre 1993 im Gefängnis.

11. September 2001
Unmittelbar nach Bekanntwerden der Terroranschläge in den USA mit mehreren tausend Toten – zwei von moslemischen Selbstmordattentätern entführte und gesteuerte amerikanische Linienmaschinen waren im Abstand von nur wenigen Minuten in New York in die beiden Türme des World Trade Centers gerast und hatten diese zum Einsturz gebracht, ein weiteres Flugzeug war auf das Verteidigungsministerium in Washington gestürzt und hatte einen Großbrand ausgelöst – beteuert die Taliban-Regierung in Kabul, daß weder sie noch der in Afghanistan residierende saudische Multi-Millionär Osama bin Laden, dessen Auslieferung die USA seit langem fordern, etwas mit den Attentaten zu tun hätten. Allerdings hatte Bin Laden – der Gründer der „Internationalen Islamischen Front“ und Chef des Terrornetzes „El-Kaida“ („Die Basis“) soll u.a. für die Bombenanschläge auf die US-amerikanischen Botschaften in Kenia und Tansania im August 1998 sowie den Sprengstoffanschlag auf ein US-Kriegsschiff in Jemen im Oktober 2000 verantwortlich sein – erst einige Wochen zuvor mit einem „Angriff nicht gekannten Ausmaßes auf amerikanische Interessen“ wegen der Unterstützung der USA für Israel gedroht.

12. September 2001
Da sich der Hauptverdächtige für die am Vortag auf New York und Washington verübten Terroranschläge, Osama bin Laden, in Afghanistan aufhält und die USA Vergeltung angekündigt haben, ziehen die Vereinten Nationen ihre ausländischen Mitarbeiter aus Afghanistan ab. Derzeit befinden sich insgesamt rund 100 Ausländer zur Versorgung der hungernden Bevölkerung in Afghanistan, überwiegend in der Hauptstadt Kabul. Sie wurden von ihren Regierungen zur sofortigen Ausreise aufgefordert. Bin Laden selbst gratulierte inzwischen in einem beim pakistanischen Nachrichtendienst eingegangenen Fax den Attentätern und bezeichnete die Anschläge als „Strafe Gottes für die USA“, stritt jedoch seine eigene Beteiligung ab. Die Ermittler in den USA sind nach Regierungsangaben inzwischen jedoch „zu 90 Prozent sicher“, daß er der Drahtzieher war. Die Taliban-Regierung in Kabul hat den USA Gespräche über eine mögliche Auslieferung Bin Ladens angeboten, verlangt allerdings zuerst hieb- und stichfeste Beweise für seine Schuld.

Unterdessen hat die oppositionelle afghanische Nordallianz die Verantwortung für einen mit Hubschraubern erfolgten Raketenbeschuß des Kabuler Flughafens während der Nacht übernommen, für den die USA umgehend jegliche Beteiligung zurückgewiesen hatten. Ein Sprecher der Nordallianz bezeichnete den Angriff, der nach Augenzeugenberichten zur Zerstörung von drei Flugzeugen und einem Munitionsdepot geführt haben soll, als Vergeltung für die Bombardierung ihrer Gebiete nördlich von Kabul durch die Taliban. Die Frontlinie zwischen den Taliban und der Nordallianz verläuft nördlich der Stadt. Bislang war es den Streitkräften der afghanischen Opposition noch nie gelungen, so nahe an Kabul heranzurücken.

13. September 2001
Taliban-Chef Mullah Mohammad Omar ruft die afghanische Bevölkerung in einer Rundfunkansprache auf, sich auf einen Angriff der USA einzustellen und sich dem Feind tapfer entgegenzustellen. „Ich habe keine Angst vor dem Tod oder Verlust der Macht“, sagt er. „Ich bin bereit, Macht und Sitz aufzugeben, aber nicht den Islam.“

14. September 2001
Ahmed Schah Massud, der Militärchef der gegen die Taliban kämpfenden afghanischen Opposition, erliegt den schweren Verletzungen, die er am 9. September bei einem Bombenanschlag erlitten hatte. Neuer Befehlshaber der Nordallianz wird Muhammad Fahim.

24. September 2001
Während Pakistan seine Diplomaten „aus Sicherheitsgründen“ aus Afghanistan abzieht, ruft der mutmaßliche Terroristenführer Osama bin Laden die Moslems in Pakistan zum Kampf gegen die „amerikanische Kreuzzugsstreitmacht“ auf. In einer am Tag zuvor beim arabischen Satellitensender „El Dschasira“ in Katar eingegangenen und von Bin Laden unterzeichneten Erklärung heißt es: „Wir sind standhaft auf dem Pfad des Heiligen Krieges mit dem heldenhaften, gläubigen afghanischen Volk unter der Führung von Mullah Mohammad Omar.“

25. September 2001
Das Terrornetz Osama bin Ladens droht mit neuen Anschlägen. „Wo immer sich Amerikaner und Juden befinden, werden sie zum Ziel“, erklärt der Militärchef der El-Kaida („Die Basis“), Nasir Ahmed Mudschahed. Bin Laden selbst soll sich nach Erkenntnissen russischer Militärs derzeit in den Bergen von Kandahar im Süden Afghanistans aufhalten. Angeblich soll er auch über biologische und chemische Waffen verfügen und gedroht haben, im Falle eines Angriffs der Amerikaner seinen „auf der ganzen Welt verteilten 2.000 Kämpfern“ den Befehl für den Einsatz chemisch-biologischer Kampfstoffe zu geben.

26. September 2001
Mehrere tausend Taliban-Anhänger demonstrieren in Kabul gegen die USA, stürmen dann das Gelände der seit zwölf Jahren verlassenen US-Botschaft und stecken das Gebäude in Brand. Taliban-Chef Mullah Mohammad Omar warnt die USA vor einer Konfrontation: „Amerika ist stark. Aber selbst wenn es doppelt so stark wäre, wäre es nicht stark genug, um uns zu besiegen“, sagt er dem US-Sender „Voice of America“.

28. September 2001
Pakistan unternimmt einen neuen Versuch, die afghanische Taliban-Regierung doch noch zur Auslieferung von Osama bin Laden an die USA zu bewegen: Eine Delegation von pakistanischen Korangelehrten nimmt in Kandahar Verhandlungen mit den Taliban auf. Sie wird vom pakistanischen Geheimdienstchef Mahmud Ahmed und vom Taliban-Botschafter in Pakistan, Mullah Abdul Salam Saif, begleitet. Bereits eine Woche zuvor hatte eine erste pakistanische Abordnung die Taliban-Führung um eine Auslieferung Bin Ladens gebeten, der von den USA für die Terroranschläge in New York und Washington verantwortlich gemacht wird. Daraufhin hatte der Rat der Geistlichen und Religionsgelehrten Afghanistans Bin Laden aufgefordert, das Land freiwillig zu verlassen, ihm allerdings keine Frist gesetzt. Zudem hatte der Rat an die USA appelliert, auf eine Militäraktion gegen Afghanistan zu verzichten. Diese jedoch beharren weiterhin auf eine Auslieferung Bin Ladens – egal ob „tot oder lebendig“.
Währenddessen demonstrieren in Pakistan fundamentalistische Moslems gegen Militärmachthaber Pervez Musharraf und seine Unterstützung für die USA. Sie drohen mit Gewalttaten für den Fall, daß die pakistanische Regierung bei einem amerikanischen Militärschlag gegen Afghanistan Hilfe leistet.

29. September 2001
Die pakistanische Regierung in Islamabad teilt mit, sie rechne im Fall von amerikanischen Angriffen auf Afghanistan mit einer Million zusätzlichen Flüchtlingen, für deren Unterbringung und Versorgung 160 Millionen US-Dollar für sechs Monate benötigt würden. Derzeit leben in Pakistan bereits zwischen zwei und drei Millionen Afghanen, die ihr Land aus Angst vor einem Vergeltungsschlag der USA gegen die Taliban oder/und wegen der dürrebedingten Hungersnot verlassen haben. Weitere rund zwei Millionen sind nach Iran geflohen.

30. September 2001
Nachdem die Taliban-Führung in Kabul bislang behauptet hatte, den genauen Aufenthaltsort des von den USA steckbrieflich gesuchten mutmaßlichen Terroristenchefs Osama bin Laden nicht zu kennen und den Kontakt zu ihm verloren zu haben, erklärt der Taliban-Botschafter Abdul Salam Saif nun während einer Pressekonferenz im pakistanischen Islamabad, daß sich Bin Laden unter dem Schutz der Taliban an einem „sicheren Ort“ befindet und man ihn nicht an die USA ausliefern werde, solange Washington keine hundertprozentigen Beweise für seine Verwicklung in den Terrorismus vorlegen könne.

Der frühere afghanische König Mohammed Zahir Schah (1933-73) stellt sich im Kampf gegen den Terrorismus auf die Seite der USA. Zu einer Delegation des US-Kongresses sagt der im Exil nahe Rom lebende 86-Jährige: „Wir führen einen gemeinsamen Kampf gegen den Terrorismus“. Der Leiter der US-Abordnung, der republikanische Abgeordnete Curt Weldon, bezeichnet den Ex-Monarchen als entscheidende Figur, der die afghanische Opposition gegen die herrschenden radikalislamischen Taliban hinter sich versammeln könne.

1. Oktober 2001
Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks befinden sich derzeit wegen des seit 22 Jahren andauernden Bürgerkriegs, wegen einer der schlimmsten Dürreperioden der vergangenen Jahrzehnte und aus Angst vor möglichen Angriffen der USA rund 7,5 Millionen Afghanen, ein Drittel der Bevölkerung, auf der Flucht. Rund drei Millionen Flüchtlinge leben allein in Pakistan unter katastrophalen Bedingungen. Etwa 20.000 Menschen, zumeist Alte, Frauen und Kinder, warten an der Grenze zu Pakistan, die inzwischen offiziell geschlossen wurde.

US-Präsident George W. Bush billigt eine verdeckte Operation zur Unterstützung der afghanischen Opposition (Nordallianz) u.a. mit finanziellen Mitteln. Gleichzeitig gibt er 100 Millionen Dollar zur Linderung des Elends der afghanischen Flüchtlinge frei.

3. Oktober 2001
Obwohl die NATO erstmals seit ihrer Gründung in Brüssel am Tag zuvor den Bündnisfall ausgerufen hat, da nach Vorlage weiterer Unterlagen durch die USA die Verwicklung von Osama bin Laden in die Terroranschläge von New York und Washington am 11. September von allen Bündnispartnern der Allianz als erwiesen angesehen wird und auch Großbritanniens Regierungschef Tony Blair dem Regime in Kabul unmißverständlich mit einem „gewaltsamen Sturz“ gedroht hat, falls es Terroristen, die sich in Afghanistan versteckt halten, nicht ausliefert, verweigern die Taliban weiterhin eine Auslieferung Bin Ladens an die USA und fordern Beweise für dessen Schuld.

4. Oktober 2001
US-Präsident George W. Bush kündigt weitere 320 Millionen Dollar humanitäre Hilfe für die notleidende afghanische Bevölkerung an.

6. Oktober 2001
US-Präsident George W. Bush fordert das Taliban-Regime ultimativ auf, Osama bin Laden und seine Gefolgsleute auszuliefern. „Die Uhr läuft ab“, sagt er. Auch Großbritanniens Premier Tony Blair kündigt eine „gezielte Aktion“ an.
Am Tag zuvor wurden im Süden der ehemaligen Sowjetrepublik Usbekistan mit Genehmigung der dortigen Regierung (und der ausdrücklichen Billigung Moskaus) 1.000 US-amerikanische Elite-Soldaten stationiert.

7. Oktober 2001
Mit Luftangriffen auf militärische Einrichtungen des afghanischen Taliban-Regimes, Luftabwehrstellungen und Ausbildungslager der Organisation „El-Kaida“ von Osama bin Laden beginnen die USA knapp vier Wochen nach den Terrorangriffen in New York und Washington mit britischer Unterstützung ihren angekündigten und von einer breiten internationalen Koalition gebilligten Militärschlag gegen Afghanistan. Gleichzeitig läuft eine humanitäre Begleitaktion an: Flugzeuge werfen rund 37.000 Nahrungsmittelpakete für die Not leidende afghanische Bevölkerung ab. Als „Bodentruppen“ dient den USA bei ihrer Offensive „Dauerhafte Freiheit“ bis zur Landung eigener Spezialkräfte zunächst die afghanische „Nordallianz“.
Osama bin Laden billigt in einem Video, das über den im Emirat Katar ansässigen, unabhängigen arabischen Satellitensender „El Dschasira“ (mit britischem Chefredakteur) ausgestrahlt wird, nochmals ausdrücklich die Terroranschläge in New York und Washington und ruft die gesamte islamische Welt zum „Heiligen Krieg“ gegen die USA und ihre Verbündeten auf. Das Taliban-Regime verurteilt die Angriffe scharf und kündigt an, „bis zum letzten Atemzug“ zu kämpfen. In den Nachbarländern Iran und Pakistan, aber auch in Indonesien, auf den Philippinen, in Sri Lanka und Malaysia sowie im Nahen Osten und in mehreren afrikanischen Staaten kommt es zu heftigen, teils blutigen Protesten militanter Islamisten gegen die USA. Die Regierungen der meisten islamischen Staaten schweigen zu den US-Angriffen bzw. fordern, die unschuldige afghanische Zivilbevölkerung zu schonen (z.B. Pakistan, Jordanien, Syrien und Saudi-Arabien). Offiziell kritisiert wird die Militäraktion der Amerikaner nur von Irak, Iran, Sudan und Malaysia sowie von Nord-Korea.

9. Oktober 2001
Bei erstmals auch tagsüber durchgeführten Luftangriffen der USA auf Flugplätze, Radar- und Militäreinrichtungen der Taliban kommen vier afghanische Mitarbeiter der Vereinten Nationen ums Leben. Das Taliban-Regime jedoch spricht von 70 getöteten und über 100 verletzten Zivilisten.

10. Oktober 2001
Die USA beginnen mit dem Abwurf von bunkerbrechenden Raketen und Streubomben auf militärische Ziele im Großraum der afghanischen Hauptstadt Kabul und der Taliban-Hochburg Kandahar im Süden des Landes. Dabei handelt es sich um in Kanistern abgeworfene Bomben, die Dutzende kleiner Sprengkörper freisetzen. Da diese beim Auftreffen nicht alle detonieren, stellen die Bomben oft noch nach Jahren eine Gefahr dar.
In einer wiederum über den Sender „El Dschasira“ ausgestrahlten Video-Erklärung droht Suleiman Abu Gheith, der Sprecher von Osama bin Ladens Organisation „El-Kaida“, den USA mit der Fortsetzung der „Schlacht“ und weiteren Flugzeugentführungen in den Vereinigten Staaten.
Obwohl die USA bei der Jagd nach Bin Laden modernste Satelliten und Aufklärungsflugzeuge einsetzen, liegt dessen derzeitiger Aufenthaltsort völlig im Dunkeln.

11. Oktober 2001
Die aus der Luft von US-Bombern unterstützte afghanische Opposition (Nordallianz) meldet die Eroberung der strategisch wichtigen Provinzhauptstadt Chakcharan in Zentral-Afghanistan.

12. Oktober 2001
US-Präsident George W. Bush bietet dem afghanischen Taliban-Regime eine „zweite Chance“ an: Wenn es Osama bin Laden und seine Leute ausliefert, würden die Luftangriffe unverzüglich eingestellt. Taliban-Chef Mullah Mohammad Omar lehnt ab.

UN-Menschenrechtskommissarin Mary Robinson fordert von den USA eine Pause bei ihren Luftangriffen auf Afghanistan, damit Millionen akut vom Hunger bedrohte Afghanen auf dem Landweg versorgt werden können. Nach Meinung der internationalen Hilfsorganisationen erreichen die von US-Flugzeugen abgeworfenen Lebensmittelpakete – täglich rund 35.000 Beutel mit Tagesrationen von 2.200 Kalorien – nur einen Bruchteil der Bedürftigen.
Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union haben bislang Hilfsgüter in einem Gesamtwert von 314 Millionen Euro zur Verfügung gestellt.

14. Oktober 2001
Das Taliban-Regime erklärt sich zu Verhandlungen über eine Auslieferung Osama Bin Ladens an ein Drittland bereit. Washington lehnt das Angebot als „Verzögerungstaktik“ ab.

16. Oktober 2001
Bei Kabul wird ein Lager des Roten Kreuzes von US-amerikanischen Bomben getroffen und zerstört. Zwei Tage zuvor hatte Washington erstmals zugegeben, daß es bei den Luftangriffen auf Afghanistan durch „fehlgeleitete Raketen“ auch zivile Opfer gegeben habe.

Der im Exil in Rom lebende ehemalige afghanische König Zahir Schah fordert den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in einem Brief auf, UN-Friedenstruppen für einen stabilisierenden Einsatz nach dem Sturz des Taliban-Regimes bereitzustellen und ein „Machtvakuum“ in Kabul zu vermeiden.

17. Oktober 2001
Während Washington meldet, die Kampfkraft der Taliban sei praktisch lahmgelegt, gibt sich Taliban-Führer Mullah Mohammad Omar weiterhin siegessicher und fordert seine Milizen zum Märtyrertod auf.

19. Oktober 2001
Washington bestätigt erstmals, daß in Afghanistan bereits kleine Spezialeinheiten am Boden im Einsatz sind. Die „Handvoll“ Elitesoldaten haben den Auftrag, die Bemühungen des Geheimdienstes CIA um Verbündete unter den Stammesführern der Paschtunen – die Paschtunen stellen rund 40 Prozent der afghanischen Bevölkerung – zu unterstützen. Darüber hinaus sollen sie als Aufklärer das Terrain für neue militärische Ziele und Truppenkonzentration der Taliban-Milizen erkunden und Hinweise auf den Aufenthaltsort Osama bin Ladens und anderer Führer der El-Kaida-Terrororganisation sammeln.

21. Oktober 2001
Es wird bekannt, daß US-Präsident George W. Bush dem Geheimdienst CIA den Befehl erteilt hat, Osama Bin Laden aufzuspüren, zu töten und sein Netzwerk „El-Kaida“ zu zerschlagen. Seit 1973 ist es der CIA offiziell untersagt, Anschläge auf ausländische Politiker zu verüben – außer in Kriegszeiten oder zur Selbstverteidigung der USA.

Beim Absturz eines US-amerikanischen Kampfhubschraubers im Osten Afghanistans kommen zwei Soldaten ums Leben. Die Taliban behaupten, den Hubschrauber abgeschossen zu haben, was von den USA jedoch bestritten wird.

26. Oktober 2001
Das in rund 36 Staaten operierende Netzwerk „El-Kaida“ des mutmaßlichen Top-Terroristen Osama bin Laden, der sich in der islamischen und Dritten Welt größter Beliebtheit erfreut, wird von Wirtschaftsexperten auf ein Gesamt-Vermögen von rund fünf Milliarden US-Dollar geschätzt. Seit den Terroranschlägen in den USA am 11. September wurden davon etwa 100 Millionen Dollar „eingefroren“. Die Haupteinnahmequelle der Terrororganisation ist das Drogengeschäft (30-40%). Rund ein Viertel stammt aus Geschenken von islamischen Vereinigungen, reichen Einzelpersonen und Regierungen, zehn bis 20 Prozent aus Schutzgelderpressungen und herkömmlicher Kriminalität. Die Geldströme der Terroristen zu verfolgen, ist jedoch nahezu unmöglich, da es unerschöpfliche Verschleierungsmöglichkeiten gibt und nach wie vor 19 Staaten, darunter Rußland, weiterhin als Paradiese für Geldwäscher gelten. Oft sind Import-Export-Geschäfte, Scheinfirmen und Finanzexperten beteiligt. Zudem hat man z.B. mit der Beschlagnahmung von irakischen Konten nur wenig bewirkt. Kleine Summen von wenigen tausend Dollar werden über hunderte Konten überwiesen. Außerdem brauchen die Terroristen für ihre Verbrechen nicht allzu viel Geld. Der Anschlag auf New York z.B. hat sie nach Meinung von Experten „weniger als eine Million Dollar“ gekostet.

Die Taliban melden die Hinrichtung des paschtunischen Oppositionsführers Abdul Haq und zwei seiner Begleiter „wegen Spionage und Hilfe für die amerikanischen Aggressoren“. Der 43jährige Haq, ein gefeierter Mujahedin-Führer aus den Zeiten des Krieges der Afghanen gegen die sowjetischen Invasoren, der bei den Kämpfen gegen die Russen ein Bein verloren hatte und die derzeitigen Bombenangriffe der USA als wenig sinnvoll ansah, war einige Tage zuvor (offenbar im Auftrag oder zumindest mit Billigung der USA) aus dem pakistanischen Exil über Geheimpfade in seine heimatliche Region südlich von Kabul zurückgekehrt, um im Süden des Landes eine militärische Allianz gegen das Regime zu schaffen, wie sie in den nördlichen Gebieten Afghanistans die Nordallianz darstellt. Als Haq in einen Hinterhalt der Taliban geriet, hatte er via Satellitentelefon einen Notruf abgesetzt. Eine Rettungsaktion der Amerikaner aus der Luft war jedoch fehlgeschlagen.

30. Oktober 2001
Unterstützt von Luftangriffen der USA auf Stellungen der von Osama bin Laden ausgerüsteten Taliban-Milizen, verstärkt die u.a. von den USA aus der Luft mit Munition versorgte oppositionelle Nordallianz in Afghanistan ihre Vorbereitungen für eine Offensive auf die strategisch wichtige nordafghanische Stadt Masar-i-Scharif und die Hauptstadt Kabul. Allerdings gibt es nach über drei Wochen amerikanischen Luftkriegs gegen das Taliban-Regime noch kaum Anzeichen für ein Nachlassen der Kräfte oder ein Ende der Ressourcen der fanatischen islamischen Kämpfer von Mullah Mohammad Omar. Obwohl an der Front nördlich von Kabul beide Seiten mit schwerem Geschütz aufeinander schießen und dazwischen die US-Bomber ihre Einsätze gegen die Taliban und deren Verbündete fliegen, herrscht im Grunde noch immer derselbe Stellungskrieg wie vor dem Eingreifen der USA. Eine der Ursachen für den mangelnden Erfolg der Nordallianz ist die Tatsache, daß die Taliban zu allem entschlossene Gesinnungstäter sind und dazu noch Zulauf aus dem Ausland, vor allem aus Pakistan, erhalten, während sich die Nordallianz aus vielen rivalisierenden Gruppen zusammensetzt, die eigentlich nur die gemeinsame Gegnerschaft gegen die Taliban eint.

2. November 2001
Rund 2.000 Freiwillige aus der Stadt Bajaur im Nordwesten Pakistans brechen nach Afghanistan auf, um an der Seite der Taliban im „Heiligen Krieg“ gegen die USA zu kämpfen.

3. November 2001
In einer wiederum über den arabischen Sender „El Dschasira“ ausgestrahlten Video-Erklärung nennt der nach wie vor unauffindbare Terrorchef Osama bin Laden u.a. UN-Generalsekretär Kofi Annan einen „Verbrecher“ und bezeichnet moslemische Politiker, die mit den Vereinten Nationen zusammenarbeiten als „Heuchler“ und „Ungläubige“.

4. November 2001
Nach fast vier Wochen Haft in Dschalalabad lassen die Taliban einen 24jährigen französischen Reporter frei und übergeben ihn an einem Grenzposten zu Pakistan französischen Diplomaten. Die Ermittlungen hätten ergeben, daß es sich bei ihm tatsächlich um einen Fotojournalisten und nicht um einen Spion handele.

6. November 2001
Die Taliban erschweren die Militäraktion der USA in Afghanistan in zunehmendem Maße, indem sie ihre Unterkünfte verlassen und in Wohngebiete, Kulturzentren oder Moscheen ziehen und ganze Dörfer als „menschliche Schutzschilde“ benutzen.

9. November 2001
Unterstützt durch Bombardierungen der US-Luftwaffe ist der oppositionellen Nordallianz unter dem Befehl des usbekischen Feldkommandeurs General Abdul Rashid Dostum die Einnahme der strategisch wichtigen nordafghanischen Stadt Masar-i-Scharif gelungen. Rund 90 Taliban-Kämpfer sollen bei dem Angriff gefallen sein. Weitere 300 will die Nordallianz gefangengenommen haben. Die Eroberung der rund 130.000 Einwohner zählenden Stadt macht die Versorgungslinien für die Rebellentruppen nördlich von Kabul frei und erleichtert den Nachschub für die Nordallianz aus Usbekistan und Tadschikistan. Sie bietet den Amerikanern und den Allianz-Streitkräften die Möglichkeit, weitere große Breschen in die bröckelnde Front des Taliban-Regimes zu schlagen und als Sprungbrett für den Marsch auf deren Hochburg Kandahar zu dienen. Mit dem Besitz von Masar-i-Scharif könnte zudem die Versorgung der hungernden afghanischen Bevölkerung mit Lebensmitteln erheblich leichter werden.

11. November 2001
Die afghanische Nordallianz befindet sich weiter auf dem Vormarsch. Nach eigenen Angaben hat sie seit der Einnahme von Masar-i-Scharif sieben Provinzen unter ihre Kontrolle gebracht. Demnach hätten die Oppositionskräfte, die im Norden Afghanistans zuletzt nur noch zehn Prozent des Staatsterritoriums gehalten hatten, ein Sechstel von den herrschenden Taliban zurückerobert. Die Taliban jedoch sprechen von einem „taktischen Rückzug“, und Osama bin Laden droht mit dem Einsatz von Atom- und Chemiewaffen. Die USA, Pakistan und andere Länder sind gegen eine Einnahme Kabuls durch die Nordallianz, um die Hauptstadt für alle politischen Kräfte einer künftigen Regierung auf breiter Grundlage offen zu halten.

In der Nähe von Talokan kommen ein 40jähriger deutscher Reporter des Magazins „Stern“ (Volker Handloik) sowie zwei französische Kriegsberichterstatter – ein Mann und eine Frau (Pierre Billaud und Johanne Sutton) – ums Leben. Insgesamt sechs Reporter waren auf einem Panzer der Nordallianz in einen Hinterhalt der Taliban geraten und beschossen worden. Drei Journalisten haben den Angriff überlebt.

12. November 2001
Die gegen die Taliban kämpfende Nordallianz hat mit Unterstützung der USA aus der Luft nach eigenen Angaben fast den gesamten Norden Afghanistans eingenommen und rückt nun (entgegen den Wunsch der USA) auf die Hauptstadt Kabul vor.

13. November 2001
Entgegen des ausdrücklichen Wunsches der USA, Pakistans und anderer Länder rückt die afghanische Nordallianz in die Hauptstadt Kabul ein. Die Besetzung verläuft weitgehend ohne Blutvergießen, da die Taliban bereits in der Nacht zuvor in Richtung Süden geflohen sind. Ähnlich wie einige Tage zuvor in Masar-i-Scharif feiert die Bevölkerung von Kabul den Abzug der Taliban jubelnd auf den Straßen. Die meisten Frauen tragen zwar nach wie vor ihre Burka, weil das den ganzen Körper verhüllende Schleiergewand schon vor der Machtübernahme der Taliban Bestandteil der Tradition war, doch die Männer reißen sich als erstes die von den Taliban vorgeschriebenen Turbane vom Kopf und lassen sich die Bärte abrasieren.
Das Schicksal der acht bisher in Kabul inhaftierten ausländischen Shelter-now-Mitarbeiter, zu denen seit dem 24. Oktober kein Kontakt mehr besteht, ist ungewiß. Die Taliban sollen sie bei ihrem Abzug auf Lastwagen abtransportiert und nach Kandahar verschleppt haben, um sie möglicherweise als Faustpfand zu benutzen.
Der frühere afghanische König Zahir Schah (1933-73) – er lebt im Exil in Rom – kritisiert den Einmarsch der Nordallianz in Kabul mit scharfen Worten: „Wir wollen, daß die Stadt zunächst entmilitarisiert wird!“ Danach müsse so schnell wie möglich die „Loya Girga“, die Große Ratsversammlung aller afghanischen Stammesführer einberufen werden.
Die Vereinten Nationen haben bereits einen Fünf-Punkte-Plan für die Bildung einer neuen Regierung in Afghanistan vorgeschlagen. Diese soll dann von einer all-afghanischen Sicherheitstruppe geschützt werden.
Die Europäische Union hat unterdessen Afghanistan versprochen, einen großen Beitrag zum Wiederaufbau des Landes zu leisten.

15. November 2001
Die seit drei Monaten inhaftierten acht ausländischen Shelter-Now-Mitarbeiter werden von US-amerikanischen Hubschraubern nach Pakistan geflogen. Sie waren am Vortag von den nach Süd-Afghanistan flüchtenden Taliban in Ghasni rund 150 Kilometer südlich von Kabul in einem Gefängnis zurückgelassen und von einer Einheit der Nordallianz befreit worden. Auch die 16 afghanischen Mitarbeiter der Hilfsorganisation sollen inzwischen frei sein.

Unter dem Eindruck der raschen Machtveränderungen in Afghanistan verabschiedet der UN-Sicherheitsrat in New York eine Resolution, mit der die Vereinten Nationen eine zentrale Rolle beim politischen Wiederaufbau erhalten. Der Sicherheitsrat sagt der Bevölkerung Afghanistans seine volle Unterstützung bei der Bildung einer Übergangsregierung zu.

16. November 2001
Die US-amerikanische Luftwaffe setzt auch am Tag des Beginns des islamischen Fastenmonats Ramadan ihre Bombenangriffe gegen Afghanistan fort. Hauptziel ist die Taliban-Hochburg Kandahar im Südwesten des Landes.
Auf dem Flughafen von Bagram nördlich von Kabul landen britische und US-amerikanische Spezialeinheiten, während französische Soldaten nach Masar-i-Scharif unterwegs sind. Die insgesamt rund 300 Mann sollen die Rückkehr der ausländischen Mitarbeiter der UN-Hilfsorganisationen sichern. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz ist bereits wieder in Kabul. Der stellvertretende Afghanistan-Gesandte der Vereinten Nationen, Francesc Vendrell, ist ebenfalls auf dem Weg dorthin. Er soll die Nordallianz dazu überreden, an einer geplanten UN-Konferenz aller afghanischen Parteien und ethnischen Gruppen über die künftige politische Ordnung teilzunehmen. Seine Präsenz und die der Hilfsorganisationen in Kabul scheint unerläßlich zu sein, da zunehmend über Rechtlosigkeit und Rachemassaker gegen Taliban-Anhänger berichtet wird und befürchtet werden muß, daß sich die Grausamkeiten wiederholen könnten, derer sich die Nordallianz in den Jahren von 1992 bis 1996 schuldig gemacht hatte.

17. November 2001
UN-Generalsekretär Kofi Annan warnt die siegreiche afghanische Nordallianz vor einer eigenmächtigen Regierungsbildung. Präsident Burhanuddin Rabbani, der am Tag zuvor nach Kabul zurückgekehrt war und sich wieder als Staatsoberhaupt Afghanistans einsetzen ließ, fordert Annan auf, eine Beteiligung aller Volksgruppen an einer künftigen Regierung zu ermöglichen.

18. November 2001
In Kabul nimmt das afghanische Fernsehen nach fünf Jahren Zwangspause den Sendebetrieb wieder auf. Die Nachrichten werden von einem Mann und einer Frau verlesen.

19. November 2001
Im Osten Afghanistans sind erneut vier Reporter ums Leben gekommen. Die zwei Kriegsberichterstatter der Nachrichtenagentur „Reuters“, der Afghanistan-Korrespondent von „El Mundo“ und eine Journalistin der italienischen Zeitung „Corriere della Sera“, waren in einem Konvoi unterwegs, als sie von Bewaffneten überfallen wurden. Taliban-Führer Mullah Mohammad Omar hat seinen Kämpfern angeblich für jeden erschossenen westlichen Journalisten ein Kopfgeld von 50.000 US-Dollar versprochen.

In der von der Nordallianz belagerten nordafghanischen Stadt Kundus sollen die Taliban nach Angaben von Flüchtlingen rund 300 ihrer eigenen Leute erschossen haben, die offenbar zur Kapitulation bereit waren.

23. November 2001
Das UN-Welternährungsprogramm (WFP) startet eine Luftbrücke zur Versorgung der hungernden afghanischen Bevölkerung. Ein erstes Flugzeug bringt 17 Tonnen Weizen von Südtadschikistan aus in die Provinzhauptstadt Feisabad im äußersten Nordosten Afghanistans.

25. November 2001
Die afghanische Nordallianz nimmt nach zweiwöchiger Belagerung die nordafghanische Stadt Kundus ein. Damit ist die letzte Taliban-Bastion im Norden des Landes gefallen und die Nordallianz kontrolliert gut drei Viertel des Landes. Mehr als 2.000 Taliban-Kämpfer waren zuvor übergelaufen bzw. haben sich ergeben, die übrigen leisteten erbitterten Widerstand. Die zumeist ausländischen Taliban-Milizionäre (Araber, Pakistani, Tschetschenen) sollen in Internierungslager gebracht werden, um vor Gericht gestellt zu werden.

26. November 2001
1.000 US-amerikanische Marineinfanteristen landen in der Nähe von Kandahar und beginnen mit dem Aufbau eines Stützpunktes. Die USA wollen nun versuchen, den Ring um Osama bin Laden enger zu ziehen. Man vermutet, daß sich die Taliban-Führung und Osama bin Laden in Höhlen, unterirdischen Bunkern oder unwegsamem Gelände im Südosten des Landes verschanzt haben. Die USA haben inzwischen das Kopfgeld für Osama bin Laden auf 25 Millionen Dollar erhöht.

Rußland baut seine Präsenz in Afghanistan mit einer Luftbrücke nach Kabul aus. Zwölf russische Militärtransporter mit Tonnen von Ausrüstung und Hilfsgütern sind bereits gelandet.

In Talokan, wo sich zahlreiche Journalisten einquartiert haben, um über die Belagerung und die Einnahme der nahegelegenen Stadt Kundus zu berichten, wird bei einem Raubüberfall der schwedische Fernsehreporter Ulf Strömberg getötet. Er ist bereits der achte Journalist, der seit Mitte Oktober in Afghanistan ums Leben kam.

27. November 2001
Auf dem Petersberg hoch über Königswinter bei Bonn, wo einst die Hohen Kommissare der West-Alliierten residierten (1949-52) und später hochrangige Staatsgäste der BRD logierten, eröffnen UN-Generalsekretär Kofi Annan und der deutsche Außenminister Joschka Fischer unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen die von den Vereinten Nationen ausgerichtete und auf Vermittlung des stellvertretenden UN-Beauftragten Francesc Vendrell zustandegekommene Afghanistan-Konferenz. Ziel der unter dem Vorsitz des UN-Sonderbeauftragten für Afghanistan, Lakdhar Brahimi, in Deutschland (ursprünglich war Berlin als Tagungsort geplant) stattfindenden Konferenz, an der neben Vertretern der siegreichen „Nordallianz“ auch Delegationen von drei Exilgruppen („Rom“-, „Zypern“- und „Pakistan“-Gruppe) beteiligt sind (und einige Frauen), in denen jeweils die größte afghanische Ethnie der Paschtunen (rund 40% der Gesamtbevölkerung) dominiert, ist die Einigung auf eine Übergangsregierung und die Unterzeichnung eines Abkommens zur Neuregelung des Landes nach zwei Jahrzehnten Bürgerkrieg bis spätestens 5. Dezember. An diesem Tag soll in Berlin eine internationale Geberkonferenz über den wirtschaftlichen Wiederaufbau Afghanistans beginnen. Die Taliban haben eine Teilnahme an den Verhandlungen abgelehnt und sind auch nicht nach Bonn eingeladen worden, obwohl sie noch immer drei afghanische Provinzen und ihre südliche Hochburg Kandahar unter Kontrolle haben.

In der südostafgahinschen Grenzstadt Spinboldak wird ein 33jähriger kanadischer Journalist entführt.

28. November 2001
Die Nordallianz meldet die Niederschlagung eines Aufstands von rund 450, zumeist ausländischen Taliban-Söldnern (Araber, Pakistani, Tschetschenen) in einem Gefangenenlager bei Mazar-i-Sharif. Sie sollen sich Waffen beschafft und sich gegen ihre Bewacher erhoben haben. Da bei den zwei Tage dauernden Kämpfen alle Gefangenen getötet wurden, wird vor allem von pakistanischer Seite die Vermutung geäußert, bei den Vorfällen habe es sich um ein Massaker gehandelt. Menschenrechtsorganisationen verlangen eine unabhängige Untersuchung des Hergangs. Bei den Kämpfen wurden auch fünf US-amerikanische und vier britische Soldaten verletzt.

4. Dezember 2001
Die Teilnehmer der Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg bei Bonn einigen sich sowohl über die rechtlichen und politischen Grundlagen für eine Übergangsregierung als auch darauf, daß eine internationale Schutztruppe in der afghanischen Hauptstadt Kabul und Umgebung für Recht und Ordnung sorgen soll. Über die Zusammensetzung einer Interimsregierung wird allerdings heftig gerungen, vor allem, wer das Amt des Ministerpräsidenten einnehmen soll. In der engeren Wahl stehen offenbar der Paschtunenführer Hamid Karzai und der Leiter der sogenannten Rom-Delegation um Ex-König Zahir Schah, Abdul Sattar Sirat.

5. Dezember 2001
Nach neun Tagen Verhandlungsdauer einigen sich die Teilnehmer der Afghanistan-Konferenz der Vereinten Nationen auf eine Übergangsregierung für vorerst sechs Monate mit dem Paschtunenführer Hamid Karzai an der Spitze und unterzeichnen ein Abkommen zur Neuordnung des Landes. Zum Schutz der neuen Verwaltung sollen die Vereinten Nationen eine internationale Schutztruppe nach Afghanistan entsenden.
Weil „kein Blut an seinen Händen klebt“ und Karzai mit keiner anderen afghanischen Volksgruppe verfeindet ist, genießt der 46jährige studierte Politikwissenschaftler bei der Bevölkerung hohes Ansehen, obwohl er als Protegé der USA gilt, da er zur Zeit der sowjetischen Besetzung Afghanistans (1979-89) als Mittelsmann zu den Mujahedin gedient haben soll. Karzai soll ab 22. Dezember eine 30 Mitglieder umfassende Regierung führen, in der die Paschtunen mit elf Posten die meisten Ämter erhalten und auch zwei Frauen vertreten sein werden. Die Ministerposten für Finanzen und für Wiederaufbau werden von Vertretern der „Rom-Gruppe“ um Ex-König Zahir Schah besetzt. Drei Schlüsselpositionen gehen an die Nordallianz: Yunus Kanuni wird Innenminister, General Muhammad Fahim Verteidigungsminister und Abdullah Abdullah Außenminister. Im späten Frühjahr 2002 soll Ex-König Zahir Schah eine große Stammesversammlung (Loja Dschirga) eröffnen, die eine zweite Übergangsregierung für 18 Monate beruft.
Der deutsche Bundeskanzler Schröder erklärt bei der Unterzeichnungszeremonie auf dem Petersberg bei Bonn die Bereitschaft Deutschlands, sich an einer Schutztruppe für Afghanistan zu beteiligen, für die die Vereinten Nationen allerdings noch ein Mandat ausarbeiten müssen.

Bei einem Fehlabwurf einer 900-Kilo-Bombe durch ein US-amerikanisches Flugzeug kommen in der Nähe von Kandahar drei US-Soldaten ums Leben und weitere 19 werden z.T. schwer verwundet.

7. Dezember 2001
Nach wochenlanger Belagerung geben die Taliban ihr geistiges und politisches Machtzentrum Kandahar im Süden Afghanistans auf und ein paschtunischer Stammesrat übernimmt die Kontrolle über die Stadt. Auch die beiden Provinzen Helmand und Boldak sowie der Ort Spin Boldak nahe der pakistanischen Grenze werden kampflos aufgegeben. Die Oppositionstruppen haben ihren Erfolg nicht nur der Unterstützung der USA aus der Luft, sondern auch der Zivilbevölkerung zu verdanken, da sich immer mehr Menschen gegen die Taliban auflehnen. Zahlreiche ausländische Taliban-Kämpfer fliehen über die Grenze nach Pakistan. Taliban-Führer Mullah Mohammad Omar, der die Übergabe Kandahars am Vortag vereinbart hatte, befindet sich ebenfalls auf der Flucht. Die Kämpfe in Afghanistan konzentrieren sich jetzt auf die als schwer einnehmbar geltende Bergfestung Tora Bora in Ost-Afghanistan, wo sich in Höhlen und Bunkern etwa 1.000 El-Kaida-Kämpfer verschanzt haben sollen und wo sich eventuell auch Osama bin Laden aufhält, falls er nicht bereits über die Grenze nach Pakistan entkommen ist.

10. Dezember 2001
Während die US-amerikanische Luftwaffe ihre Angriffe auf die Bergfestung Tora Bora in Ostafghanistan intensiviert, dringen US-amerikanische Soldaten auch in die Stadt Kandahar vor, wo die Lage weiter als äußerst unsicher gilt, da mehrere Paschtunenführer offenbar darum ringen, die Macht an sich zu reißen.

13. Dezember 2001
Die USA veröffentlichen ein in Dschalalabad gefundenes Amateurvideo, in dem der El-Kaida-Chef Osama bin Laden eingesteht, daß er genaue Kenntnisse von der Vorbereitung der Anschläge auf New York und Washington am 11. September gehabt habe. Das Band beweist nach Ansicht Washingtons eindeutig die Urheberschaft Bin Ladens. Dieser Auffassung schließen sich weltweit zahlreiche Staaten an.

16. Dezember 2001
Die im Osten kämpfenden paschtunischen Stammeskrieger melden die Eroberung der Bergfestung Tora Bora und den Sieg über die Terrororganisation „El-Kaida“ von Osama bin Laden. Drei Dutzend El-Kaida-Mitglieder sollen festgenommen und über 200 getötet worden sein.

17. Dezember 2001
US-amerikanische Bodentruppen, britische Soldaten und örtliche paschtunische Milizen suchen nach der Einnahme der Höhlenverstecke von Tora Bora nach bis zu 2.000 El-Kaida-Kämpfern Osama bin Ladens. Sie sollen sich in kleine Gruppen aufgespalten haben und nun versuchen, über das Gebirge ins nahe Pakistan zu gelangen. Pakistan hat seine Grenztruppen inzwischen verstärkt. Vier Dutzend El-Kaida-Kämpfer sollen bereits gefaßt worden sein. Von dem Terroristenchef selbst fehlt bislang noch jede Spur. Sicher ist, daß Bin Laden und seine Leute nicht nach Pakistan wollen, um dort zu bleiben. Die Wahrscheinlichkeit, daß jemand sich die 25 Millionen Dollar Belohnung, die auf Bin Ladens Kopf ausgesetzt sind, verdienen will, ist zu groß. Doch Fluchtwege mit falschen Pässen über Pakistan in andere Länder wurden möglicherweise längst vorbereitet.

In Kabul wird nach zwölf Jahren die US-amerikanische Botschaft wiedereröffnet. Auch Rußland, Großbritannien und Iran haben bereits Diplomaten nach Afghanistan entsandt, und die Wiedereröffnung der deutschen Botschaft ist in Vorbereitung. Gleichzeitig laufen die UN-Beratungen für die Entsendung einer internationalen Schutztruppe nach Afghanistan auf Hochtouren. In der afghanischen Hauptstadt wird am 22. Dezember eine Übergangsregierung ihre Arbeit aufnehmen. Bis zu diesem Zeitpunkt soll zumindest ein Teil der „Blauhelm-Soldaten“ vor Ort sein.

18. Dezember 2001
In Kabul werden 21 Bäckereien wiedereröffnet, in denen ausschließlich Frauen arbeiten. Die 1999 vom Welternährungsprogramm eingerichteten Betriebe waren vom Taliban-Regime geschlossen worden. In den Betrieben wird Brot gebacken, das an bedürftige Familien verkauft wird, vor allem an die Familien der tausenden von Witwen. Da das Brot zu 85 Prozent subventioniert wird, kann es sehr billig abgegeben werden.

20. Dezember 2001
Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen erteilt das lange erwartete und teils umstrittene Mandat für den Einsatz einer Afghanistan-Schutztruppe. Der Beschluß über eine entsprechende Resolution erfolgt einstimmig. Angeführt wird die sogenannte Internationale Sicherheits-Unterstützungstruppe (ISAF/International Security Assistance Force) bis April von Großbritannien unter dem Kommando von Generalmajor John McColl. Die insgesamt rund 5.000 Mann starke multinationale ISAF, an der sich auch Deutschland mit bis zu 1.200 Soldaten beteiligen will, soll zunächst für sechs Monate die afghanische Übergangsregierung bei der Gewährleistung der Sicherheit in der Hauptstadt Kabul und Umgebung unterstützen. Sie kann dabei auch Waffengewalt anwenden. Ein Vorauskommando von 100 Briten befindet sich bereits vor Ort. Die erste Aufgabe der ISAF wird sein, ausländische Würdenträger zu den Feierlichkeiten am 22. Dezember zu geleiten, wenn die afghanische Übergangsregierung ihr Amt antritt.

22. Dezember 2001
Wie am 7. Dezember in Deutschland vereinbart, nimmt die afghanische Übergangsregierung ihre Arbeit auf. In Anwesenheit von rund 2.000 Gästen, darunter Stammesführer aus den 31 Provinzen Afghanistans und hohe ausländische Diplomaten aus etwa 20 Staaten, übergibt der bisher von den Vereinten Nationen anerkannte Präsident, der Tadschike Burhanuddin Rabbani, in einer feierlichen Zeremonie im Innenministerium in Kabul die Regierungsgewalt an den Puschtunen Hamid Karzai. Der neue Regierungschef und sein aus 29 Ministern, darunter zwei Frauen, bestehendes Kabinett sollen zunächst für ein halbes Jahr im Amt bleiben.
Die Europäische Union hat am Vortag für die afghanische Interimsregierung eine Soforthilfe von 2,5 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Das Geld soll für den Aufbau behelfsmäßiger Verwaltungsstrukturen genutzt werden. Auf einer zweitägigen Konferenz in Brüssel unter dem gemeinsamen Vorsitz der EU, der USA, Japans und Saudi-Arabiens hatten Vertreter von über 30 Geberländern und mehreren Dutzend internationalen Nichtregierungsorganisationen teilgenommen. Man hatte Prioritäten beim Wiederaufbau Afghanistans festgelegt und Hilfsprojekte für die nächsten drei Monate im Wert von rund einer halben Milliarde Euro aufgelistet.

23. Dezember 2001
Einem Bericht des Kinderhilfswerks UNICEF zufolge erlebt in Afghanistan jedes vierte Kind seinen fünften Geburtstag nicht und fast 300.000 sterben jährlich an Durchfall, Masern und anderen vermeidbaren Krankheiten. 50 Prozent aller afghanischen Kinder sind unterernährt. Allein in diesem Winter werden Kälte, Krankheit und mangelhafte Ernährung schätzungsweise rund 100.000 Kindern in Afghanistan das Leben kosten. Daß der Krieg sich dem Ende nähert, ändert nach Ansicht von UNICEF nichts an der Lage seiner unschuldigsten Opfer.

27. Dezember 2001
Ostafghanische Stammeskämpfer fordern die USA auf, ihre Luftangriffe in der Region einzustellen, da es dort keine Taliban- und El-Kaida-Kämpfer mehr gebe. US-amerikanische Flugzeuge hatten einige Tage zuvor einen angeblichen El-Kaida-Fahrzeugkonvoi bombardiert. Bei dem Angriff sollen nach Angaben eines Stammesältesten aber 65 Menschen ums Leben gekommen sein, die zur Amtseinführung der Übergangsregierung nach Kabul unterwegs waren.

28. Dezember 2001
In einem wiederum über den arabischen Sender „El Dschasira“ ausgestrahlten, vermutlich Anfang Dezember aufgezeichneten Video wirft der nach wie vor unauffindbare Terrorchef Osama bin Laden den USA Kriegsverbrechen in Afghanistan vor und spricht von einem „brutalen Kreuzzug gegen den Islam“. Die Anschläge des 11. September, die er als eine „Warnung“ an die Amerikaner für ihre israelfreundliche Politik verstanden wissen will, bezeichnet er als „gesegnete Schläge gegen den weltweiten Unglauben und den Kopf des Unglaubens, Amerika“.

1. Januar 2002
Der britische Generalmajor John McColl, der die sogenannte Internationale Sicherheits-Unterstützungstruppe (ISAF/International Security Assistance Force) in Afghanistan bis April anführen soll, erklärt sich nach tagelangen Verhandlungen mit der seit Dezember amtierenden afghanischen Übergangsregierung zu gemeinsamen Patrouillen mit bewaffneten afghanischen Militär-Polizisten in und um Kabul bereit. Der afghanische Verteidigungsminister Fahim hatte sich zuvor geweigert, seine Truppen aus Kabul abzuziehen, obwohl dies sowohl im Petersberger Abkommen als auch in der UN-Resolution verankert wurde, und einen Teil seiner Soldaten kurzerhand in moosgrüne Polizeiuniformen gesteckt.
Währenddessen suchen US-amerikanische Spezialtruppen im Süden und Osten Afghanistans weiter gezielt nach dem Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar und Terror-Chef Osama bin Laden sowie Kämpfern seiner Organisation „El-Kaida“. Berichte der afghanischen Nachrichtenagentur AIP über amerikanische Luftangriffe auf zwei Dörfer mit über 100 Toten werden vom US-Militär dementiert. Man habe lediglich Gebäude der Taliban nahe der Stadt Gardes bombardiert. Ein Ende des Anti-Terror-Krieges der USA in Afghanistan sei jedoch noch lange nicht in Sicht. Man werde die Bombardierung ausgewählter Ziele fortsetzen, bis die Zerstörung der El-Kaida-Organisation erreicht sei. Derzeit befinden sich rund 300 El-Kaida- und Taliban-Kämpfer im Gewahrsam der USA. Sie werden in Internierungslagern in Afghanistan und auf US-Kriegsschiffen im Arabischen Meer verhört. Auch der frühere Taliban-Botschafter in Pakistan, Mullah Abdul Salam Saif, befindet sich mittlerweile in US-Gewahrsam.

4. Januar 2002
Im Osten Afghanistans wird der erste US-Soldat seit Beginn der amerikanischen Militäraktion am 7. Oktober bei einem Gefecht getötet.

10. Januar 2002
Die USA beginnen, Gefangene der Terrororganisation El-Kaida und der Taliban aus Afghanistan auf den US-amerikanischen Marinestützpunkt Guantánamo Bay im Südosten Kubas zu verlegen, dessen Gelände die Amerikaner 1903 von der damaligen kubanischen Regierung pachteten. Derzeit befinden sich nach Angaben aus Washington 445 Taliban- und El-Kaida-Kämpfer in US-Gewahrsam, darunter auch ein US-Amerikaner, drei Söldner mit britischer Staatszugehörigkeit und ein Schwede. Von ihnen erhofft sich Washington Hinweise über das Versteck von Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar und Terror-Chef Osama bin Laden. Allerdings halten sich beide nach Einschätzung des amerikanischen Geheimdienstes CIA nicht mehr in Afghanistan auf, sondern sind möglicherweise bereits im Dezember auf dem Seeweg auf die Arabische Halbinsel oder nach Ostafrika entkommen.

14. Januar 2002
In Kabul können erstmals seit fünf Jahren mehr als 10.000 Mädchen wieder zur Schule gehen. Bislang wurden mit Hilfe von UN-Soldaten insgesamt fünfzehn Schulgebäude zunächst provisorisch instandgesetzt.

20. Januar 2002
Beim Absturz eines US-amerikanischen Hubschraubers im nordafghanischen Hochgebirge kommen zwei der insgesamt sieben Insassen ums Leben.

21. Januar 2002
Die Europäische Union und andere westliche Staaten sowie das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) und Menschenrechtsorganisationen üben massive Kritik an der Unterbringung der bislang knapp 160 Gefangenen aus dem Afghanistan-Krieg in Käfigen auf dem US-amerikanischen Marinestützpunkt Guantánamo Bay auf Kuba und fordern die USA auf, die Häftlinge nach den Vorgaben der Genfer Konvention über Kriegsgefangene zu behandeln. Laut Amnesty International sollen die Gefangenen durch Fußfesseln, Augenbinden und dem Abrasieren ihrer Bärte vor den Verhören „gebrochen“ werden. Das US-Verteidigungsministerium weist die Kritik entschieden zurück. „Die Gefangenen werden human, korrekt und in voller Übereinstimmung mit internationalem Recht behandelt“ heißt es aus Washington. Präsident George W. Bush bezeichnet die El-Kaida- und Taliban-Häftlinge jedoch erneut als „Mörder und Terroristen“ und erklärt, daß er ihnen weiterhin die Anerkennung als Kriegsgefangene verweigern wird.
(Bush erklärt am 8. Februar, die Genfer Konventionen auf die gefangenen Taliban-Kämpfer, nicht aber die Mitglieder der El-Kaida-Terrororganisation anzuwenden.)

22. Januar 2002
Zum Abschluß einer zweitägigen Geberkonferenz in Tokyo sagen die Delegierten von 82 Staaten und Organisationen dem kriegszerstörten Afghanistan für die nächsten drei Jahre rund 4,5 Milliarden US-Dollar an Wiederaufbauhilfe zu. Allein die Europäische Union kündigt für das laufende Jahr Hilfe in Höhe von insgesamt 550 Millionen Euro an. Saudi-Arabien und Japan versprechen bis 2005 einen Beitrag von einer Viertelmilliarde Dollar. Die Gesamtkosten für den Wiederaufbau Afghanistans werden von der Weltbank auf fünfzehn Milliarden Dollar veranschlagt. Der afghanische Regierungschef Hamid Karzai versichert der internationalen Gemeinschaft, daß die Übergangsregierung das Geld „gut anlegen“ werde. U.a. plant er den Aufbau einer nationalen Armee mit einer Truppenstärke von zunächst bis zu 250.000 Mann, in die vor allem die nach zwei Jahrzehnten Bürgerkrieg „arbeitslos“ gewordenen Kämpfer der verschiedenen Fronten aufgenommen werden sollen.

25. Januar 2002
Der afghanische Regierungschef Hamid Karzai spricht sich während eines Aufenthalts von UN-Generalsekretär Kofi Annan in Kabul für eine Vergrößerung der internationalen Friedenstruppe in Afghanistan aus. Zudem möchte er, daß die ISAF auch außerhalb der Hauptstadt Kabul tätig wird. Derzeit befinden sich in Kabul rund 2.200 UN-Soldaten. Gleichzeitig sind in den restlichen Landesteilen Afghanistans, vor allem im Süden und Osten, noch immer etwa 4.000 US-amerikanische Soldaten gegen die Taliban- und die El-Kaida-Kämpfer im Einsatz. Weitere US-Kontingente sind in Pakistan, Usbekistan, Tadschikistan und Kirgisistan stationiert.

31. Januar 2002
In der rund 100 Kilometer südlich von Kabul gelegenen ostafghanischen Provinzhauptstadt Gardes kommen bei heftigen Gefechten zwischen Kämpfern der Gemeindeversammlung der Stadt und Einheiten des paschtunischen Kriegsherrn Batscha Khan, der auf Seiten der Übergangsregierung in Kabul steht und den Gouverneursposten der Provinz Paktia beansprucht, mindestens 60 Menschen ums Leben.

5. Februar 2002
US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld räumt erstmals ein, daß US-Soldaten bei einem nächtlichen Angriff auf ein Dort nahe der afghanischen Stadt Kandahar Verbündete statt Feinde getötet haben. Zwei Wochen zuvor waren dort fünfzehn Menschen getötet worden, die für Taliban-Kämpfer gehalten worden waren.

8. Februar 2002
Mullah Abdul Wakil Muttawakil, der ehemalige Außenminister des gestürzten Taliban-Regimes, ergibt sich nach längeren Verhandlungen dem Bürgermeister von Kandahar und wird auf Weisung der Übergangsregierung in Kabul an die Amerikaner übergeben. Er soll sich nun wegen der verschiedenen Verbrechen der Islamisten vor Gericht verantworten – entweder vor einem Gericht in den USA oder in Afghanistan. Dabei geht es um Massaker, die die Taliban verübten und um Menschenrechtsverletzungen sowie kulturelle Verbrechen wie die Zerstörung von Kunstwerken. Ersten Verhören wird der knapp 30 Jahre alte Muttawakil, der stets als gemäßigter Vertreter des Taliban-Regimes galt und sich u.a. gegen die Sprengung der Buddha-Statuen in Bamiyan ausgesprochen hatte, auf einem US-Militärstützpunkt am Stadtrand von Kandahar unterzogen. Die US-Kommandeure versprechen sich davon Aufschluß über den Verbleib des El-Kaida-Führers Osama bin Laden und des Ex-Taliban-Chefs Mullah Mohammed Omar sowie weiterer führender El-Kaida- und Taliban-Mitglieder.

10. Februar 2002
Der afghanische Regierungschef Hamid Karzai kündigt die Freilassung eines Großteils der inhaftierten Taliban-Kämpfer an und setzt die ersten 320 „unschuldigen Rekruten“ auf freien Fuß. In einer Ansprache vor dem Präsidentenpalast in Kabul fordert er die Männer auf, beim Wiederaufbau des Landes mitzuhelfen.

14. Februar 2002
Auf dem internationalen Flughafen von Kabul wird der afghanische Luftfahrtminister Abdul Rahman von wütenden Mekka-Pilgern erschlagen, die offenbar bereits mehrere Tage bei eisiger Kälte auf ihren Flug nach Saudi-Arabien gewartet hatten. Zuvor wurde der 50-Jährige, der eigentlich Arzt, aber bereits Anfang der 90er Jahre schon einmal Minister für Luftfahrt war, aus einem Flugzeug gezerrt, das ihn nach Indien bringen sollte. Der afghanische Regierungschef Hamid Karzai sieht in dem gewaltsamen Tod des Ministers eine Verschwörung mehrerer Generäle bzw. Angehöriger von Geheimdienst und Justizministerium, die während des Kampfs gegen die Taliban einer Gruppe der Nordallianz angehörten, mit der Rahman gebrochen hatte.

15. Februar 2002
Rund 15.000 Afghanen versuchen, in das mit 30.000 Menschen bereits überfüllte Fußballstadion von Kabul einzudringen, wo ein Spiel zwischen einer afghanischen Auswahl und einer Mannschaft der internationalen Schutztruppe für Afghanistan (ISAF) stattfindet. Dabei werden aus der Menge Steine auf deutsche Soldaten geworfen, die für den Schutz der Veranstaltung abkommandiert worden waren. Vier Soldaten werden dabei verletzt.

25. Februar 2002
Der Internationale Suchtstoffkontrollrat (INCB), der im Namen der Vereinten Nationen die Einhaltung der internationalen Suchtstoff-Kontrollabkommen überwacht, ruft die Staatengemeinschaft zur Hilfe für Afghanistan auf. „Wenn Afghanistan Frieden und Sicherheit erreichen soll, muß das Land das Drogenkontrollproblem in den Griff bekommen“, heißt es in dem in Wien veröffentlichten Jahresbericht. Ernste Sorgen bereitet dem INCB, daß der Schlafmohnabbau seit dem Sturz der Taliban-Regierung, die den Mohnanbau in den von ihr kontrollierten Gebieten verboten hatte, in ganz Afghanistan wieder zunimmt. Der INCB rät „dringend zu internationaler Zusammenarbeit, um zu verhindern, daß Afghanistan wieder zum weltgrößten Opiumproduzenten wird.

26. Februar 2002
Mit finanzieller Hilfe der Europäischen Union startet in Kabul ein Radiosender unter dem Namen „Guten Morgen, Afghanistan“. Das von zwei Dutzend afghanischen Journalisten gestaltete Programm – vor allem Nachrichten, aber auch Unterhaltungs- und Bildungssendungen – wird täglich zwei Stunden lang in den Landessprachen Paschtu und Dari ausgestrahlt und kann von 80 Prozent der Bevölkerung empfangen werden.

28. Februar 2002
In Kabul werden zum wiederholten Male britische Soldaten der internationalen Schutztruppe (ISAF) aus dem Hinterhalt beschossen, und im Osten Afghanistans, wo sich offenbar noch Taliban- und El-Kaida-Kämpfer aufhalten, wird den USA auf anonymen Flugblättern ein „Heiliger Krieg“ angedroht sowie die ISAF aufgefordert, das Land umgehend zu verlassen.
Währenddessen haben die Vereinten Nationen die Geberstaaten aufgerufen, von der im Januar auf einer Konferenz in Tokyo versprochenen Afghanistan-Hilfe in Höhe von rund 4,5 Milliarden US-Dollar mindestens eine Milliarde US-Dollar für Soforthilfe und Wiederaufbauprojekte freizugeben.

2. März 2002
Rund 900 US-Soldaten und 200 ihrer Verbündeten starten die bislang größte Bodenoffensive seit Beginn des Afghanistan-Kriegs vor fünf Monaten und greifen – mit massiver Unterstützung der Lufwaffe – Taliban- und El-Kaida-Höhlen-Verstecke im Osten des Landes nahe der Stadt Gardes an. Dabei kommt u.a. eine neuentwickelte „Vakuumbombe“ („thermobaric bomb“) zum Einsatz, eine Waffe, deren Sprengkopf tief in unterirdische Verstecke vordringen kann, nach der Detonation die Luft aus den Tunnels saugt und die dorthin Geflüchteten erstickt. Bei der Operation „Anaconda“ in der gebirgigen Grenzregion zu Pakistan, an denen außer afghanischen offenbar auch australische, kanadische, französische, dänische, norwegische und deutsche Soldaten beteiligt sind, gibt es Tote und Verletzte auf beiden Seiten. Neun US-Soldaten kommen nach Angaben aus Washington beim Abschuß ihres Hubschraubers ums Leben.

3. März 2002
Ein Erdbeben der Stärke 7,2 auf der nach oben offenen Richter-Skala, dessen Epizentrum nach Auskunft von Seismologen etwa 250 Kilometer nördlich von Peshawar im Hindukusch und etwa 200 Kilometer unterhalb der Erdoberfläche liegt, erschüttert weite Teile Zentralasiens und fordert allein im Nordosten Afghanistans über 200 Menschenleben. Auch in der Hauptstadt Kabul stürzen etwa drei Dutzend Häuser ein und begraben mindestens sechs Menschen unter sich.

6. März 2002
Bei der Explosion einer alten russischen Flugabwehrrakete kommen in der Nähe von Kabul zwei deutsche und drei dänische Soldaten ums Leben. Weitere acht Soldaten werden z.T. schwer verletzt. Offenbar wollten die Soldaten Teile der Rakete als Souvenir mit nach Hause nehmen und hatten versucht, den Blindgänger zu entschärfen anstatt ihn wie angeordnet zu sprengen.

19. März 2002
Deutschland übernimmt in Kabul von Großbritannien das taktische Kommando der internationalen Schutztruppe für Afghanistan (ISAF).

20. März 2002
Nur zwei Tage nachdem die USA die Operation „Anaconda“ für erfolgreich beendet erklärt haben – Washington spricht von „hunderten getöteten Terroristen“ –, werden US-amerikanische Soldaten und verbündete afghanische Truppen in Ostafghanistan erneut in stundenlange Gefechte mit El-Kaida- bzw. Taliban-Kämpfern verwickelt.

21. März 2002
Zigtausende Afghanen feiern mit Moscheebesuchen und Picknicks das erste Neujahrsfest (Naurus-Fest) nach der Taliban-Herrschaft.

22. März 2002
Washington stellt nach monatelangen Vorbereitungen die Regeln für die umstrittenen Militärtribunale gegen Taliban- und El-Kaida-Mitglieder vor. Nach massiver Kritik aus dem Ausland und von Bürgerrechtlern sind die Verfahren jetzt offener als zunächst geplant. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld teilt mit, daß die Verhandlungen entgegen ersten Plänen nun z.T öffentlich stattfinden werden. Todesurteile können zudem nur einstimmig gefällt werden. Die Öffentlichkeit kann aber von Verfahren ausgeschlossen werden, wenn es die Sicherheit verlange.

24. März 2002
Washington teilt die Entdeckung eines im Aufbau befindlichen Bio- und Chemiewaffenlabors in der Nähe von Kandahar mit. Man habe „verdächtige Substanzen“ gefunden, jedoch keine fertigen Kampfstoffe.

25. März 2002
Ein Erdbeben der Stärke 5,9 auf der nach obenen offenen Richter-Skala fordert in der nordafghanischen Provinz Baghlan über 2.000 Menschenleben und mehrere tausend Verletzte. Die Stadt Nahrin etwa 250 Kilometer nordwestlich von Kabul wird fast völlig zerstört. Mindestens 150.000 Menschen werden obdachlos.

3. April 2002
Eine neue afghanische Nationalarmee wird ins Leben gerufen. Ihre ersten 600 Angehörigen sollen der Übergangsregierung unter Hamid Karzai als Präsidentengarde zur Verfügung stehen und sind paritätisch aus allen Bevölkerungsgruppen zusammengesetzt.

4. April 2002
Die afghanische Übergangsregierung gibt die Festnahme von 350 Verdächtigen bekannt, die einen Putschversuch gegen die Interimsregierung und Bombenanschläge auf ausländische Botschaften in Kabul geplant haben sollen. Bei den meisten soll es sich um Mitglieder einer fundamentalistischen islamischen Organisation handeln, die von dem früheren Ministerpräsidenten Gulbuddin Hekmatyar (1993-96) angeführt wird. Hekmatyar, der während der Taliban-Herrschaft im iranischen Exil lebte, hatte sich in den zurückliegenden Monaten wiederholt gegen die afghanische Übergangsregierung ausgesprochen, weil diese von den USA eingesetzt worden sei. Hekmatyars derzeitiger Aufenthaltsort ist nicht bekannt. Aus Iran wurde er (angeblich) im Februar ausgewiesen.

7. April 2002
Das Hauptquartier der Internationalen Schutztruppe (ISAF) in Kabul wird von zwei Raketen unbekannter Herkunft beschossen, die allerdings ihr Ziel verfehlen und etwa 200 Meter außerhalb der Umzäunung einschlagen. Bei den Geschossen handelt es sich offenbar um ein chinesisches Fabrikat mit einer Reichweite von rund zehn Kilometern, wie es von afghanischen Freischärlern Anfang der 80er Jahren gegen die sowjetischen Besatzungstruppen verwendet wurde.

8. April 2002
Bei einem Bombenanschlag auf den Wagenkonvoi des afghanischen Verteidigungsminister Mohammad Fahim kommen in Dschalalabad im Osten des Landes fünf Menschen ums Leben. Fahim selbst überlebt das Attentat unverletzt. Er ist Tadschike und hatte nach der Ermordung von Ahmed Schah Massud im September 2001 dessen Platz als Befehlshaber der gegen die Taliban kämpfenden afghanischen Nordallianz eingenommen.

9. April 2002
Experten befürchten einen drastischen Anstieg der Heroinproduktion in Afghanistan, da die afghanischen Drogenbauern trotz eines Entschädigungsangebots ihre Schlafmohnernte nicht vernichten wollen. Die Regierung in Kabul will ihnen 1.000 Dollar Entschädigung pro Hektar mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Union zahlen. Die Bauern fordern aber 10.000 Dollar.

11. April 2002
Die Regierung Afghanistans beginnt im Westen des Landes gegen den Widerstand der Bauern mit der Vernichtung der Schlafmohnernte. Die Entschädigungssumme wurde von 1.000 auf 1.750 Dollar pro Hektar aufgestockt. Die Bauern sollen künftig u.a. Safran anbauen.

14. April 2002
Eine Patrouille der US-Armee wird im Süden Afghanistans von Taliban- bzw. El-Kaida-Kämpfern angegriffen. Bei dem Schußwechsel kommen nach Angaben der USA fünf der Angreifer ums Leben. Wenige Stunden zuvor war in Kabul eine Patrouille britischer Soldaten ebenfalls beschossen worden. Nach offiziellen Angaben wurde dabei niemand verletzt, und den rund zwei Dutzend Angreifern gelang die Flucht.

15. April 2002
Der in Katar ansässige arabische Fernsehsender „El Dschasira“ strahlt ein Video aus, das nach Informationen des Senders sechs Monate vor den Anschlägen in den USA aufgenommen worden war. Darin verliest der aus Saudi-Arabien stammende Selbstmordattentäter, der nach Angaben der USA am 11. September 2001 die bei Pittsburgh abgestürzte Maschine geflogen hatte, sein Testament und kündigt ein Attentat in den USA an. Dabei sitzt er vor einem Foto des brennenden New Yorker World Trade Centers mit der Aufschrift „Ungläubige, verlaßt die Arabische Halbinsel“. Zudem veröffentlichte „El Dschasira“ Ausschnitte eines weiteren Videos, das Osama bin Laden und seine „rechte Hand“, Eiman el Sawahiri, zeigt. Sawahiri drückt darin seine Freude über die Anschläge aus.

Bei einer Explosion im Süden Afghanistans kommen vier US-amerikanische Soldaten ums Leben und werden mehrere weitere verletzt. Ursache des Unglücks: Die Soldaten wollten alte sowjetische Munition entschärfen.

16. April 2002
Afghanistans Regierungschef Hamid Karzai fliegt nach Rom, um den 1973 gestürzten Ex-König Zahir Schah aus dem Exil in seine Heimat zurückzubringen. In Kabul haben Sicherheitskräfte bereits drei Straßen in der Umgebung der künftigen Residenz des 87jährigen Ex-Monarchen abgeriegelt. Zahir Schah soll im Juni die „Loya Girga“ leiten, die Große Ratsversammlung aller afghanischen Stammesführer, die eine neue Übergangsregierung für das Land bestimmen soll. Im Jahr 2004 sollen dann eine neue Verfassung in Kraft treten und Wahlen durchgeführt werden.

US-amerikanische, britische, kanadische und afghanische Truppen starten eine neue Offensive in den Bergen Ost-Afghanistans, wo nach wie vor Taliban- und El-Kaida-Kämpfer vermutet werden.

18. April 2002
Im Osten Afghanistans werden vier kanadische Soldaten bei einem irrtümlichen nächtlichen Bombenangriff eines US-amerikanischen Kampfjet-Piloten getötet und acht weitere z.T. schwer verletzt.

29. April 2002
Nachdem US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld der türkischen Regierung schriftlich die volle Unterstützung der USA zugesagt hat, erklärt sich Ankara bereit, für sechs Monate das Kommando über die internationale Friedenstruppe (ISAF) in Afghanistan zu übernehmen. Ein genauer Termin für die Übergabe der Befehlsgewalt von Großbritannien an die Türkei steht jedoch noch nicht fest. Derzeit sind rund 270 türkische Soldaten an der Friedenstruppe beteiligt, die für die Sicherheit in der afghanischen Hauptstadt Kabul und deren Umgebung verantwortlich ist.

1. Mai 2002
Im Südosten Afghanistans starten rund 1.000 US-amerikanische, kanadische, australische, und britische Elite-Soldaten unter britischer Führung eine neue Großoffensive gegen versprengte moslemische Extremisten. Die „Operation Snipe“ wird von den USA aus der Luft unterstützt.

23. Mai 2002
Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen einigt sich auf eine Verlängerung des Mandats für die Internationalen Schutztruppe (ISAF) in Afghanistan, lehnt zugleich aber eine Verstärkung der knapp 5.000 Mann starken Truppe sowie eine Ausdehnung ihres Einsatzgebietes über die Hauptstadt Kabul hinaus ab.

30. Mai 2002
Im pakistanischen Islamabad beschließen die Staatschefs von Afghanistan, Pakistan und Turkmenistan den Bau einer knapp 1.500 Kilometer langen Gas-Pipeline von Turkmenistan durch Afghanistan nach Pakistan. Das bis zu 3,5 Milliarden US-Dollar teure Projekt war 1998 wegen des andauernden Bürgerkriegs in Afghanistan aufgegeben worden.

13. Juni 2002
Nach monatelangen Delegiertenwahlen treffen sich in Kabul – zum ersten Mal seit 1964 – rund 1.600 Abgeordnete zur „Loya Girga“, zur Großen Ratsversammlung aller afghanischen Stammesführer, um einen Staatspräsidenten zu bestimmen. Zuvor hatten Ex-König Zahir Schah und Ex-Staatschef Burhanuddin Rabbani auf amerikanischen Druck hin ihre Kandidaturen zurückgezogen. Da sich nur eine unbekannte Ärztin des UN-Welternährungsprogramms (Massuda Dschalal) als Gegenkandidatin für den seit Dezember 2001 amtierenden Interimspremier Hamid Karzai findet, wird der Paschtune mit 1.295 Stimmen zum Staatsoberhaupt gewählt.
Allerdings bleibt dies der einzig faßbare Beschluß der Ratsversammlung. Sie endet letztlich in Chaos und Protest: Viele Delegierte fühlen sich mißbraucht, da fast alle wichtigen Entscheidungen hinter den Kulissen zwischen Karzai, den mächtigen Warlords und den USA ausgehandelt werden.

20. Juni 2002
Die Türkei übernimmt von Großbritannien für ein halbes Jahr den Oberbefehl über die knapp 5.000 Mann starke internationale Afghanistan-Schutztruppe (ISAF).

28. Juni 2002
Ein Explosion in einem ehemaligen Waffendepot der Taliban hat im Südosten Afghanistans eine Kettenreaktion ausgelöst, der mindestens zwei Dutzend Menschen zum Opfer fielen.

1. Juli 2002
Beim Bombardement eines Dorfes rund 280 Kilometer südwestlich von Kabul durch US-amerikanische Kampfjets kommen 48 Menschen ums Leben und werden fast 100 weitere verletzt. Die Amerikaner hatten offenbar Salutschüsse einer Hochzeitsfeier mit einem Angriff auf die Flugzeuge verwechselt.

6. Juli 2002
Der afghanische Vizepräsident Hadschi Abdul Kadir – ein Paschtune wie Staatschef Hamid Karzai – und sein Schwiegersohn werden in Kabul von zwei Attentätern in ihrem Wagen erschossen.

21. Juli 2002
In der Nähe von Bamijan, rund 200 Kilometer westlich von Kabul, kommen dreizehn Menschen ums Leben, als ein Bus über eine Landmine fährt.
Innerhalb weniger Wochen hat sich die Sicherheitslage in Afghanistan erheblich verschlechtert: In den Norden Afghanistans, in die Gegend um Mazar-i-Sharif, wo die Regierung praktisch keine Autorität hat, wagt sich kaum noch ein Entwicklungshelfer, nachdem in der Region mehrmals Hilfsgüter-Konvois der Vereinten Nationen überfallen worden und Ausrüstung im Wert von mehreren hunderttausend Dollar in die Hände brutaler Straßenräuber gefallen waren. Wer nicht überfallen wird, gerät zwischen die Fronten der dort rivalisierenden Warlords Abdul Rashid Dostum (Usbeke) und Mohammed Atta (Tadschike), deren Milizen sich ungeachtet eines zwei Monate zuvor von den Vereinten Nationen vermittelten Waffenstillstands weiter heftige Gefechte liefern. Der Mord an Vizepräsident Hadschi Abdul Kadir Anfang des Monats – er wurde am 6. Juli in Kabul in seinem Wagen erschossen –ist zudem ein weiteres Zeichen dafür, daß die Regierung trotz der internationalen Schutztruppe ISAF nicht einmal die Sicherheit ihrer Kabinettsmitglieder in Kabul garantieren kann, geschweige denn das Überleben ausländischer Entwicklungshelfer in anderen Teilen des Landes. Auch ein Attentat auf Staatschef Hamid Karzai selbst ist nach Ansicht vieler nur noch eine Frage der Zeit. Die Täter müssen dann nicht bei den führungslosen und versprengten Taliban-Truppen gesucht werden, sondern bei oppositionellen Mudschaheddin-Kämpfern oder bei der mächtigen Drogenmafia, da in Afghanistan viele von einer schwachen Regierung profitieren: Die Warlords wollen ihre Macht nicht aus der Hand geben, und die Drogenbarone wollen weiterverdienen. Angriffe auf Hilfsorganisationen gehören dabei zur Strategie. Die ausländischen Helfer, ohne die es in Afghanistan kaum Schulen, Minenräumer und Krankenhäuser gäbe, werden auch deshalb attackiert, um die internationale Solidarität mit der Regierung zu untergraben.

31. Juli 2002
Staatschef Hamid Karzai läßt nach einem vereitelten Anschlag auf seine Person – Sicherheitsleute wollen nach offiziellen Angaben im Auto eines Attentäters über 400 Kilogramm Sprengstoff gefunden haben – seine afghanischen Leibwächter durch knapp fünf Dutzend US-amerikanische Sicherheitskräfte ersetzen. Die alten Bodygards hatte Verteidigungsminister Mohammed Fahim zur Verfügung gestellt, der jedoch als Rivale Karzais gilt und angeblich eine ganze Reihe von Morden in Afghanistan befohlen haben soll, darunter auch den von Vizepräsident Hadschi Abdul Kadir am 6. Juli. General Fahim befehligt nicht nur die derzeit rund 10.000 Mann starke reguläre Armee, sondern zusätzlich eine eigene schlagkräftige Privatmiliz, die rund 120 Kilometer von Kabul entfernt stationiert ist. Die berühmte Pandschirtal-Division verfügt über modernste Waffen und nagelneue MiG-35-Kampfhubschrauber. Innerhalb weniger als 24 Stunden könnten Fahims Soldaten in Kabul einmarschieren, da die Zufahrtsstraßen ebenfalls unter seiner Kontrolle stehen.

7. August 2002
Bei einem Überfall auf einen Stützpunkt der regulären afghanischen Armee in Kabul kommen 15 Menschen ums Leben: Elf Angreifer, drei Soldaten und ein Zivilist. Offiziellen Angaben zufolge soll es sich bei den Angreifern um Araber und Pakistani gehandelt haben.

9. August 2002
Bei der Explosion im Büro der Hilfsorganisation „Afghanische Aufbau- und Logistikeinheit“ (ACLU) in Dschalalabad im Osten Afghanistans kommen über 50 Afghanen ums Leben und werden rund 80 weitere verletzt. Nach Behördenangaben handelt es sich um ein Unglück und nicht um einen Anschlag. Die ACLU räumt u.a. Straßen frei und hatte offenbar Dynamit für Sprengungen gelagert.

17. August 2002
Auf dem militärischen Teil des Flughafens von Kabul werden zwei britische Soldaten der internationalen Schutztruppe (ISAF) von Unbekannten erschossen.

22. August 2002
Die mit Hilfe des deutschen Technischen Hilfswerks binnen sechs Monaten wieder aufgebaute aghanische Polizeiakademie in Kabul wird feierlich eröffnet. An der Akademie sollen jährlich 1.500 Polizeianwärter – männliche wie weibliche – aus allen Landesteilen und Ethnien Afghanistans ausgebildet werden. Deutsche Polizisten haben an der Erarbeitung der Lehrpläne und der Prüfungsordnung mitgewirkt.

5. September 2002
Bei der Detonation einer Autobombe auf einem Marktplatz im Zentrum Kabuls kommen (nach offiziellen Angaben) mindestens 30 Menschen ums Leben und werden zahlreiche weitere verletzt. Wenige Stunden nach dem blutigsten Anschlag seit dem Sturz der Taliban im November 2001 schießt ein Wachmann in Kandahar auf das Fahrzeug von Staatschef Hamid Karzai, der jedoch unverletzt bleibt. Karzai war zur Hochzeit seines jüngsten Bruders in die ehemalige Hochburg der Taliban gekommen.
Als Drahtzieher beider Anschläge wird Ex-Mujaheddin-Führer und Ex-Regierungschef (1993-99) Gulbuddin Hekmatyar vermutet, der Anfang des Jahres aus seinem iranischen Exil ausgewiesen worden sein soll und dessen derzeitiger Aufenthaltsort unbekannt ist. Seit Monaten kursieren Flugblätter, in denen er zum „Heiligen Krieg – Tod den USA und ihren Helfershelfern“ aufruft.

10. September 2002
Während sich Truppen des Gouverneurs der Provinz Paktia, der gegenüber der Zentralregierung in Kabul loyal ist, und Milizen des abtrünnigen Lokalherrschers Pascha Khan Zadran heftige Gefechte um die Stadt Khost liefern, starten US-amerikanische und mit ihnen verbündete Truppen im Südosten Afghanistans eine neue Offensive gegen versprengte Kämpfer des Terrornetzwerkes El-Kaida und des gestürzten Taliban-Regimes, die offenbar damit begonnen haben, sich im Grenzgebiet zu Pakistan neu zu formieren.

12. November 2002
Bei den ersten Studentenprotesten seit dem Sturz des Taliban-Regimes werden in Kabul vier Studenten von afghanischen Sicherheitskräften erschossen. Die Studenten hatten u.a. für bessere Lebensbedingungen in den Wohnheimen demonstriert.

13. November 2002
Der arabische Sender El Dschasira strahlt eine Tonbandaufzeichnung aus, in der Terrorchef Osama bin Laden u.a. die Terroranschläge auf der indonesischen Insel Bali am 12. Oktober sowie die Geiselnahme von Moskau am 26. Oktober begrüßt und mit neuen Attentaten droht. Der US-amerikanische Geheimdienst ist von der Echtheit des Bandes überzeugt und wertet es als ersten konkreten Beweis seit fast einem Jahr, daß Bin Laden noch am Leben ist.

2. Dezember 2002
Auf dem Petersberg bei Bonn, wo ein Jahr zuvor die Weichen für einen Neuanfag des kriegszerstörten Afghanistan gestellt wurden, findet in Anwesenheit von Politikern aus 32 Ländern eine eintägige Folgekonferenz statt. Die Bilanz seit den Beschlüssen vom Dezember 2001 fällt jedoch eher ernüchternd aus. Zwar verlaufen Regierungsbildung und Wiederaufbau weitgehend nach dem vereinbarten Stufenplan, doch Rückschläge und eine nach wie vor prekäre Sicherheitslage von westlichen Diplomaten erschweren die Entwicklung. Die Macht des zunächst zum Regierungschef, inzwischen zum provisorischen Präsidenten des Landes vereidigten Hamid Karzai, der eine nationale Armee aus 70.000 Soldaten mit sich selbst als Oberbefehlshaber aufbauen will, ist weitgehend auf die Hauptstadt Kabul beschränkt. Mitglieder seines Kabinetts wurden ermordet, und immer wieder kommt es zu Anschlägen. Der Drogenanbau floriert, da noch immer regionale Warlords außerhalb von Kabul das Sagen haben. Die gestürzten radikal-islamischen Taliban und mit ihnen symphatisierende Kräfte geben keine Ruhe. Unmittelbar vor Konferenzbeginn waren in Westafghanistan bei Kämpfen zwischen Tadschiken und Paschtunen mindestens elf Menschen ums Leben gekommen. In die Gefechte zwischen Truppen des tadschikischen Provinzfürsten Ismail Chan und paschtunischen Rivalen war auch der Konvoi einer US-Spezialeinheit geraten. Daraufhin hatten die USA erstmals seit fünf Monaten wieder B-52-Bomber eingesetzt und in der Region mehrere Bomben abgeworfen. Eine Ausweitung des Mandats der knapp 5.000 Mann starken Internationalen Schutztruppe für Afghanistan (ISAF) über Kabul hinaus wird es aber entgegen den Wünschen Karzais nicht geben. Die Vereinten Nationen haben Ende November das ISAF-Mandat bis zum 20. Dezember 2003 verlängert, jedoch nicht ausgedehnt. Das will auch Deutschland nicht, das Mitte Februar 2003 gemeinsam mit den Niederlanden für ein halbes Jahr die Führung von der Türkei übernehmen wird und das eigene Kontingent von derzeit 1.280 auf bis zu 2.500 Soldaten aufstocken will. Allerdings haben sich die USA bereit erklärt, amerikanische Soldaten sowie Truppen anderer Staaten der internationalen Militärkoalition auch außerhalb Kabuls zu stationieren. Noch vor Jahresende sollen sogenannte „Gemeinsame Regionalteams“ von jeweils mehreren Dutzend Soldaten in die wichtigsten Städte Afghanistans entsandt werden, um dort die allgemeine Sicherheitslage verbessern zu helfen und die Arbeit der zivilen Wiederaufbauhelfer zu unterstützen. Die neuen Schutztruppen für die Provinzen des Landes sollen nicht dem Kommando der UN-Sicherheitstruppe für Afghanistan unterstellt sein, sondern direkt vom amerikanischen Oberkommando der internationalen Militärkoalition befehligt werden.
In ihrer Abschlußerklärung kommen die Konferenzteilnehmer überein, daß die Bemühungen der afghanischen Übergangsregierung zur Herbeiführung von institutionellen Reformen auf fünf zentralen Gebieten unterstützt werden sollten. Es sind das die Sicherheit, die Verwaltung, das Rechtssystem, das Finanzsystem sowie die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik. Das Ziel müsse weiterverfolgt werden, eine Verfassung zu erarbeiten und zu verabschieden und im Jahr 2004 freie Wahlen abzuhalten.

19. Dezember 2002
Vor dem Hauptstützpunkt der deutschen Truppen der Afghanistan-Schutztruppe ISAF in Kabul sprengt sich ein Afghane mit einer Handgranate in die Luft und reißt zwei afghanische Dolmetscher mit in den Tod. Zudem werden zwei französischen Zivilisten verletzt. ISAF-Personal und deutsche Soldaten kommen bei der Detonation nicht zu Schaden. Erst zwei Tage zuvor waren in Kabul bei einem Granatenanschlag zwei US-Soldaten und ihr afghanischer Dolmetscher verletzt worden.

21. Dezember 2002
Beim Absturz eines Hubschraubers vom Typ CH-53 offenbar aufgrund technischer Probleme rund fünf Kilometer westlich der afghanischen Hauptstadt Kabul kommen sieben deutsche Soldaten ums Leben.

26. Januar 2003
Bei einem Überfall von Straßenräubern auf einen UN-Konvoi kommen im Osten Afghanistans vier Menschen ums Leben. Bei den Getöteten handelt es sich um zwei afghanische Mitarbeiter des Flüchtlingshilfswerks UNHCR, einen Polizisten und einen der Angreifer.

28. Januar 2003
Im Südosten Afghanistans liefern sich US-amerikanische Truppen und mutmaßliche Rebellen heftige Gefechte. Nach US-Militärangaben werden in den schwersten Auseinandersetzungen seit Mai 2002 18 feindliche Kämpfer getötet. In dem weitverzweigten Höhlensystem nahe der pakistanischen Grenze sollen sich noch immer mehrere Dutzend Rebellen aufhalten, die möglicherweise